Der Einfluss der Psyche auf die Verkehrssicherheit

Die Psychologie des Fahrens

Dr. Hardy Holte erklärt im Interview mit #mehrAchtung, warum achtsames Verhalten im Straßenverkehr ansteckt, wie wir Ärger vermeiden können und warum die Persönlichkeit der einzelnen Verkehrsteilnehmenden eine wichtige Rolle spielt.

27.09.2023
5 min Lesedauer
Ein Mann mit grauem Haar und kurzem Bart schaut freundlich in die Kamera. Es ist der Verkehrspsychologe Dr. Hardy Holte.
Dr. Hardy Holte

Dr. Hardy Holte war von 1999 bis 2023 Verkehrspsychologe bei der Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) und maßgeblich an der Entwicklung des Verkehrsklima-Indexes beteiligt, einer Studie, die das Verkehrsklima in Deutschland erfasst. Im Jahr 2012 promovierte er über Einflussfaktoren auf das Fahrverhalten junger Fahrerinnen und Fahrer. Für #mehrAchtung ist er Experte und Ansprechpartner für verkehrspsychologische Fragen.

Im Interview erklärt er, warum es wichtig ist, aufeinander achtzugeben, und warum wir unsere Familie und Freunde auf aggressives Verhalten hinweisen sollten.

1. Herr Holte, was interessiert Sie an der Verkehrspsychologie?  

Ende der achtziger Jahre kam ich am Psychologischen Institut der Universität Bonn zum ersten Mal mit der Schnittstelle zwischen Psychologie und Straßenverkehr, Verkehrssicherheit und Risikoforschung in Berührung. Besonders interessant fand ich, dass in der Verkehrspsychologie viele Disziplinen der Psychologie zusammenkommen, zum Beispiel die Sozial-, die Persönlichkeits- oder die Entwicklungspsychologie. Als Verkehrspsychologe war es für mich immer besonders spannend zu sehen, mit welchen theoretischen Konzepten ich das Verhalten von Menschen im Straßenverkehr erklären kann.

Positives Verhalten kann ansteckend auf meine Mitmenschen wirken.

2. Und wenn Sie selbst am Straßenverkehr teilnehmen, was ist das Verkehrsmittel Ihrer Wahl?

Ich bin überzeugter Fußgänger und benutze öffentliche Verkehrsmittel. Ich fahre nie Auto, ganz selten nehme ich das Fahrrad.

3. Können Sie sich an eine Situation erinnern, in der Sie zuletzt achtsam und freundlich im Straßenverkehr behandelt wurden?  

Ich habe schon oft beide Seiten erlebt, also freundliches und unfreundliches oder rücksichtsloses Verhalten. Es kommt immer auf die Situation an, was man als „schlechtes“ Verhalten empfindet. Zum Beispiel kann es sein, dass mich jemand beim Einsteigen in die Tram anrempelt oder sich vordrängelt. Wie ich dann reagiere, hängt von den Umständen ab. Allerdings vermeide ich es dabei, mich selbst aggressiv zu verhalten und einen Streit anzufangen. Ich persönlich versuche, mich immer rücksichtsvoll im Straßenverkehr zu verhalten und wünsche mir das auch von meinen Mitmenschen.

Das Schöne ist, und das hat auch die Marktforschung von #mehrAchtung und dem Institut für angewandte Sozialwissenschaften (infas) gezeigt: Positives Verhalten kann ansteckend auf meine Mitmenschen wirken.

Das ist eine Belohnung, die man gerne zurückgibt. So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Achtsamkeit.

4. Warum ist #mehrAchtung ansteckend?  

Der Mensch hat das Bedürfnis, sich sicher im Raum zu bewegen. Im Straßenverkehr bedeutet Sicherheit: Rücksicht auf andere zu nehmen. Die Verkehrsteilnehmenden tragen durch ihr eigenes achtsames Verhalten ihren Teil zur Sicherheit bei und sorgen dafür, dass aus einer sicheren Situation keine aggressive und gefährliche wird. Dabei spielt der Respekt gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden eine wichtige Rolle. Andere Verkehrsteilnehmende signalisieren ebenfalls durch ihr rücksichtsvolles Verhalten, dass sie mich als Verkehrsteilnehmenden respektieren und damit auch mein Bedürfnis, sicher unterwegs zu sein. Das ist dann eine Art Belohnung, die man erhält und gerne zurückgibt. So entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf der Achtsamkeit. 

5. Kann auch negatives Verhalten ansteckend sein?  

Wenn sich jemand mir gegenüber sehr aggressiv im Straßenverkehr verhält, habe ich grundsätzlich zwei Möglichkeiten darauf zu reagieren: Ich kann dieses aggressive Verhalten ignorieren und nicht darauf reagieren. Oder ich erwidere die aggressive Reaktion mit Aggression. Ein solch negatives Verhalten und schnelle Wutausbrüche, die man im Volksmund „kurze Zündschnur“ nennt, sind zum einen erlernt, zum anderen von der Persönlichkeit des Betroffenen abhängig. So kann es also sein, dass, wenn ich mich negativ und unachtsam verhalte, meine Mitmenschen ebenfalls negativ reagieren, wenn sie sich sehr stark ärgern und nicht in der Lage sind, diese Emotion zu kontrollieren. Ein grundsätzlich aggressiver Mensch wird in einer solchen Verkehrssituation eher mit Aggressionen antworten als eine eher ruhige, besonnene Person. Es kommt also auch immer auf das Individuum an, wie stark man sich vom guten oder schlechten Verhalten anderer beeinflussen lässt.

6. Und was kann man gegen so eine negative Ansteckung tun? 

Verkehrsteilnehmende sollten sich dessen bewusst sein, was sie tun. Das Stichwort lautet: „soziale Kontrolle“. Wir alle sollten Freunde, Familie und Bekannte auf Fehlverhalten im Straßenverkehr aufmerksam machen, wenn wir es beobachten. So können wir ihnen bewusst machen, dass ein solches Verhalten gefährlich, rücksichtslos und nicht in Ordnung ist. Es hilft auch, in bestimmten Situationen die konkreten Gefahren zu benennen, die von dem jeweiligen Fehlverhalten ausgehen. Oft reicht schon ein Satz wie: „Weißt du, dass du hier nicht so schnell fahren darfst?“ Es geht darum, Personen im Hinblick auf mögliche Gefahren und mögliche Unachtsamkeiten im Straßenverkehr hinzuweisen und zu sensibilisieren. Auch Kampagnen wie #mehrAchtung haben dieses zentrale Ziel. Sie wollen auch dazu anregen, eigene Unachtsamkeiten aufzudecken und zu einer neuen Überzeugung zu gelangen, in der Achtsamkeit im Straßenverkehr einen höheren Stellenwert einnimmt.

Wir alle sollten Freunde, Familie und Bekannte auf Fehlverhalten im Straßenverkehr aufmerksam machen.

7. Wenn soziale Kontrolle gegen negatives Verhalten hilft, können dann auch Maßnahmen wie die Autobahnplakate oder Geschwindigkeitsmesstafeln am Straßenrand helfen? 

In einem gewissen Rahmen kann das sicher einen Effekt haben, aber das kann ich nicht quantifizieren. Es hilft, von außen zu erkennen: „Was ist hier die Regel und damit auch die anerkannte soziale Norm?“ In der Summe aller möglichen Kommunikationseinheiten gibt die Messtafel den Autofahrerinnen und Autofahrern eine Rückmeldung über ihr Fahrverhalten und zeigt ihnen, ob sie sich an die Regeln halten oder nicht. Eine Verhaltensänderung findet jedoch erst dann statt, wenn man überzeugt ist, dass es falsch ist, Regeln im Straßenverkehr zu missachten. Um solche Überzeugungen zu erlangen oder bereits bestehende zu verstärken, ist eine Kombination aus Präventionskampagnen und sozialer Kontrolle im Freundes-, Verwandten- oder Bekanntenkreis eine wichtige unterstützende Vorgehensweise.

8. 80 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass achtsames Verhalten das Unfallrisiko stark oder sehr stark reduzieren kann. Ist das belegbar?  

Ich finde die Antwort der Befragten einleuchtend und auch vorhersehbar. Der Zusammenhang zwischen einem vernünftigen Umgang miteinander und einem geringeren Unfallrisiko liegt auf der Hand – dieser ist den meisten Verkehrsteilnehmenden auch bewusst. Allerdings bedeutet dieses Umfrageergebnis keineswegs, dass diese 80 Prozent der Befragten auch in jeder Verkehrssituation hinreichend achtsam im Straßenverkehr unterwegs sind. Das Ausmaß unserer Achtsamkeit hängt von einer Reihe persönlicher und situativer Umstände ab, z. B. davon, ob wir gut oder schlecht gelaunt sind, ob wir müde sind, ob wir uns im Stau oder auf einer freien, wenig befahrenen Strecke befinden, ob wir aggressivem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmender ausgesetzt sind oder unter Zeitdruck stehen. Eine Sensibilisierung für mehr Achtsamkeit durch Kampagnen sollte sich daher auch auf solche Situationen beziehen und darauf, wie wir einer möglichen Beeinträchtigung unserer Achtsamkeit vorbeugen und sie überwinden können.

Der Zusammenhang zwischen einem vernünftigen Umgang miteinander und einem geringeren Unfallrisiko liegt auf der Hand

9. Und wie lässt sich Ärger im Straßenverkehr vermeiden?  

Es gibt drei offensichtliche Möglichkeiten, Konflikte mit anderen Verkehrsteilnehmenden zu vermeiden. Erstens, aggressives Fahren vermeiden. Zweitens, nicht aggressiv auf andere reagieren, die sich aggressiv verhalten, und so Konfrontationen vermeiden. Und drittens, generell lernen, sich nicht so leicht ärgern und frustrieren zu lassen, denn solche Emotionen sind in der Regel die Vorläufer von Aggressionen. Tipps oder Maßnahmen zur Konfliktvermeidung sollten immer an den Verhaltensweisen, Emotionen, Motiven, Fähigkeiten und auch Selbsteinschätzungen der Fahrerinnen und Fahrer ansetzen sowie einen Bezug zu den drei genannten Strategien aufweisen. Beispiele wären hier: grundsätzlich alle Verkehrsregeln einhalten, nachgeben, wenn sich ein Konflikt anbahnt, eigene Fehler eingestehen und nicht mit Frust oder Aggression auf aggressive Verkehrsteilnehmende reagieren. 

10. Was beeinflusst unseren Umgang miteinander im Straßenverkehr?  

Vor allem die Einstellung des Einzelnen. Das heißt: Es gibt Menschen, für die rücksichtsvolles Verhalten eine ganz zentrale Rolle in ihrer Persönlichkeit spielt. Für andere ist es weniger wichtig, für wieder andere gar nicht. Je stärker und zentraler diese Einstellung ausgeprägt ist, desto mehr Einfluss hat sie auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmenden. Andererseits erwartet die rücksichtsvolle Person, dass sich andere ebenfalls rücksichtsvoll verhalten. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden und das Gegenteil eintritt, kann Ärger die Abwehrmechanismen der eigenen Einstellung gegen aggressive Verhaltensweisen überwinden. Die eigene Einstellung lässt sich umso schwerer durch negative Emotionen verdrängen, je bedeutender und zentraler sie ist.

Erfahrungen und Vorurteile spielen ebenfalls eine Rolle. Wer häufig schlechte Erfahrungen mit einer bestimmten Gruppe von Verkehrsteilnehmenden gemacht hat, neigt eher zu Vorurteilen gegenüber Personen, die dieser Gruppe angehören. Hier hilft es, Vorurteile zu hinterfragen und bereit zu sein, auch Fehlurteile über andere Verkehrsteilnehmende einzugestehen. Menschen, die nur ihre eigene Perspektive zulassen, haben weniger Verständnis für andere. Das trägt oft dazu bei, sich nicht ausreichend in andere Personen hineinversetzen zu können. Verkehrsteilnehmende können sich zum Beispiel fragen: „Würde ich mir selbst so begegnen, wie ich jetzt meinem Gegenüber begegne?“ Das hilft, die Perspektive zu wechseln. Diese Frage hilft nicht nur im Straßenverkehr, sondern in allen Situationen, in denen sich Menschen begegnen.

Bild: Scholz & Friends Broadcast

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