Im Herzen der Tunnelleitzentrale
Die unsichtbaren Wächter der Autobahn
Hightech trifft Mensch: Die Verkehrs- und Betriebszentrale München-Freimann sorgt für reibungslosen Verkehr auf den südbayerischen Autobahnen. Wie moderne Technik und erfahrene Mitarbeiter für mehr Sicherheit zusammenarbeiten.

Über den riesigen Bildschirm an der Wand flimmern viele kleine Bildausschnitte. Die Kamerabilder wechseln im Vier-Sekunden-Takt und zeigen ein Mosaik aus Hunderten Autobahnabschnitten, Tunneln und Verkehrsknotenpunkten in ganz Südbayern.
Im gedimmten Licht des hallenartigen Kontrollraums sitzen neun Männer an riesigen Schreibtischen. In konzentrierter Stille wandern ihre Augen von Kamerabild zu Kamerabild. Sie sind die Operatoren der Verkehrs- und Betriebszentrale München-Freimann. Ihre Aufgabe: die Sicherheit auf den Straßen zu gewährleisten, den Verkehrsfluss zu überwachen und im Notfall einzugreifen. Ein wichtiges Mittel: die digitalen Verkehrszeichen über der Autobahn zu steuern.
Gerade hat ein Lkw-Fahrer die Höhenkontrolle vor einem Tunnel passiert. Das Fahrzeug war knapp unter der zulässigen Höhe von vier Metern. Noch mal gut gegangen. Die Sensoren der Höhenkontrolle wachen vor jedem Tunnel in Deutschland über die Maße aller Fahrzeuge. Lösen die Sensoren aus, leiten die Operatoren eine sofortige Tunnelsperrung ein. Denn zu hohe Fahrzeuge können im Tunnel schwerwiegende Folgen für andere Verkehrsteilnehmende und die Tunneltechnik haben.
Eine konzentrierte Anspannung liegt im Raum. Schließlich kann jede Sekunde etwas passieren. Ein weiterer Bildschirm auf dem Schreibtisch eines Operators zeigt einen liegen gebliebenen Pkw im Tunnel. An seinem Computer kann der zuständige Operator die digitalen Verkehrsschilder entlang der Strecke steuern. Mit einem Klick ist die Fahrspur für den Verkehr gesperrt – und das Pannenfahrzeug vorläufig gesichert. Als Nächstes schickt er per Telefon die Polizei zum Einsatzort, um den Weg für die Rettungskräfte durch den Rückstau frei zu machen. Die Arbeit in der Verkehrs- und Betriebszentrale (VBZ) München-Freimann ist ein ständiger Wettlauf gegen die Zeit, ein Ringen um die Sicherheit auf den Autobahnen.
„Unsere Arbeit ist am besten gemacht, wenn niemand merkt, dass es uns gibt. Dann läuft der Verkehr nämlich so, wie er laufen sollte“, sagt Michael Hösch, Leiter der VBZ. Seine Worte unterstreichen die unsichtbare, aber unverzichtbare Rolle, die seine Abteilung für die Sicherheit auf 1.380 Kilometern Autobahn und in 33 Tunneln im Süden der Bundesrepublik spielt.

Konzentration kann hier Leben retten
Die 50 Operatoren, die hier jeden Tag 24 Stunden im Dreischichtbetrieb hochkonzentriert arbeiten, sind die Fluglotsen des Straßenverkehrs. Jeder von ihnen überwacht mithilfe von Kameras und Sensoren bestimmte Streckenabschnitte und Tunnel.
Nur gelegentlich wird die Stille vom Klingeln eines Telefons zerschnitten. Am anderen Ende der Leitung: Polizei, Autobahnmeisterei oder Tunneltechniker, die im Notfall zu Unfallstellen oder Sperrungen aufbrechen und mit den Operatoren Rücksprache halten müssen.
Ist der Verkehrsfluss zum Beispiel durch hohes Verkehrsaufkommen beeinträchtigt, regeln die Operatoren die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf den digitalen Verkehrsschildern oder geben den Standstreifen zum Befahren frei. Im Notfall, zum Beispiel bei einem Unfall oder Brand, können die Operatoren den Tunnel auch komplett sperren. Durch jahrelange Übung erkennen sie potenzielle Gefahren sofort und können entsprechende Maßnahmen einleiten.
Hightech trifft menschliche Expertise
Die Technologie, die den Operatoren dafür zur Verfügung steht, ist vielseitig. Geschwindigkeitsdetektoren, Luftgüte-Sensoren, Brandmeldeeinrichtungen und sogar Wasserstandsprüfungen liefern kontinuierlich Daten. Alle Parameter laufen auf den Bildschirmen des zuständigen Operators zusammen.
„Viel passiert auch in automatisierten Abläufen“, sagt Hösch. Kameras erkennen zum Beispiel Teile auf der Fahrbahn und passen die digitalen Schilder entsprechend an. „Trotzdem muss der Operator final bestätigen: Liegt dort tatsächlich ein Gegenstand auf der Fahrbahn oder hat ein Lkw wirklich die Höhenkontrolle ausgelöst?“ Der menschliche Faktor bleibt in der VBZ entscheidend.
Die häufigste Gefahr: überhöhte Fahrzeuge
Beim Stichwort Höhenkontrolle muss Michael Hösch schmunzeln. „Es passiert jeden Tag, dass ein Lkw-Fahrer vergisst, wie hoch sein Fahrzeug wirklich ist“, erzählt der gelernte Verkehrsingenieur und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Foto auf einem der Monitore. Es zeigt einen Lkw, der in einer Haltebucht vor einem Tunnel steht.
Die sogenannte Höhenkontrolle steht in einigen Kilometern Abstand vor jeder Tunneleinfahrt, die das Münchner Team im Auge behält. Ist ein Fahrzeug höher als die laut StVO erlaubten vier Meter, löst der Sensor aus. Die Operatoren versuchen dann, das Fahrzeug mit Hinweisen auf den digitalen Verkehrsschildern, Tunnelsperrungen und mithilfe der Polizei aus dem Verkehr zu ziehen. So erging es auch dem Lkw-Fahrer. Der Grund: zu hoch beladen. „Erwischt!“, sagt Hösch stolz. Der Lkw muss nun von der Polizei zur letzten Ausfahrt vor dem Tunnel geführt werden.

Trotz aller Bemühungen kommt es immer wieder vor, dass Lkw-Fahrerinnen und -Fahrer trotzdem in den Tunnel einfahren, ihn beschädigen und andere Verkehrsteilnehmende gefährden. „Wenn ein Lastwagen die Beleuchtung oder Stromleitungen von der Decke reißt, kann das verheerende Folgen haben“, warnt Hösch. „Eine Lampe wiegt ungefähr so viel wie ein handelsüblicher Gullydeckel. Die will man nicht in der Windschutzscheibe haben.“
Der Ernstfall: Wenn jede Sekunde zählt
In so einem Ernstfall tritt ein Notfallplan in Kraft – genau wie bei einem Unfall oder einem Brand. Die Operatoren aktivieren Rettungskräfte, Autobahnmeisterei und Tunneltechniker, leiten Verkehrssicherungsmaßnahmen ein, sperren den Tunnel und kontaktieren alle relevanten Stellen. „Das Wichtigste ist, dafür zu sorgen, dass es zu keinem Folgeunfall kommt“, betont Hösch.
Ein Ereignis in einem Tunnel kurz vor München ist dem Abteilungsleiter besonders in Erinnerung geblieben. Ein Bus mit 40 Grundschülerinnen und Grundschülern blieb im Tunnel liegen und konnte nicht mehr weiterfahren, die Kinder mussten das Fahrzeug verlassen. Die Operatoren entdeckten die Kinder sofort über die Kameras und sperrten so schnell wie möglich den gesamten Tunnel, um die Kinder vor dem vorbeifahrenden Verkehr zu schützen. Ein Ersatzbus musste organisiert werden, der am Ende des Tunnels auf die Kinder wartete.
„Alle Kinder sind im Gänsemarsch hinter der Polizei aus dem Tunnel marschiert. Niemandem ist etwas passiert. Es ist schön zu sehen, dass wir durch unsere schnelle Reaktion Schlimmeres verhindern konnten“, erinnert sich Michael Hösch.

Sicherheit im Tunnel: Was Verkehrsteilnehmende tun können
Aber nicht nur die Operatoren sind für die Sicherheit im Tunnel verantwortlich. Alle Verkehrsteilnehmenden können ihren Teil beitragen. Hösch rät: „Halten Sie sich an die Höchstgeschwindigkeit, seien Sie besonders aufmerksam und folgen Sie im Notfall den Anweisungen über die Lautsprecher.“ Bei einem Unfall sollte man sich selbst aus der Gefahrenzone entfernen, den Notruf absetzen und den nächsten Notausgang lokalisieren.
„Und seien Sie sich immer bewusst: Im Straßenverkehr ist niemand allein. Wir sind alle Teil eines Kollektivs. Verhalten Sie sich bitte auch so“, appelliert Michael Hösch zum Abschied an alle Verkehrsteilnehmenden und blickt in den Operatorenraum, wo die Männer ihre Plätze für die nächste Schicht räumen.
Bilder: Quirin Leppert, René Legrand, Die Autobahn GmbH des Bundes - Niederlassung Südbayern






