Stadtreinigung im Interview
10 Fragen an einen Müllwerker
Müllwagen im Einsatz: Für einige ein Ärgernis, für andere Alltag. Sören Henselin von der Stadtreinigung Leipzig spricht über seinen Job. Was stört ihn im Straßenverkehr? Welche Risiken kennen die wenigsten und wie können alle zu mehr Sicherheit beitragen? Erfahren Sie mehr im Interview!

10 Fragen an die Stadtreinigung: Ein Blick hinter die Kulissen der Abfallentsorgung
Ein Abfallfahrzeug blockiert die Straße – eine Situation, die viele Verkehrsteilnehmende als stressig empfinden. Doch hinter dieser scheinbar störenden Situation steckt die wichtige Arbeit von Müllwerkerinnen und Müllwerkern, die dafür sorgen, dass unsere Abfallentsorgung reibungslos funktioniert. Was erleben sie dabei täglich? Sören Henselin ist seit acht Jahren Kraftfahrer bei der Leipziger Stadtreinigung. Im Interview gewährt er Einblick in seinen Arbeitsalltag und die oft unterschätzten Herausforderungen.
Herr Henselin, Sie sind viel auf Leipzigs Straßen unterwegs. Welche Situationen nehmen Sie in Ihrem Arbeitsalltag als besonders schwierig oder gefährlich wahr?
Es gibt viele solcher Momente. Oft sind die Lücken zwischen den Fahrzeugen so klein, dass wir mit den Abfallbehältern nicht vorbeikommen. Zudem stört Grünbewuchs bei Durchfahrten und enge Kurven sind problematisch, da unsere Fahrzeuge ausschwenken. Auch der fließende Verkehr birgt Gefahren, wenn Autofahrer sehr schnell und mit wenig Abstand vorbeifahren. Denn Kollegen könnten plötzlich hinter dem Müllauto hervortreten.

Gibt es Tageszeiten, die besonders herausfordernd sind?
Den Feierabendverkehr bekommen wir glücklicherweise nicht so mit, da wir nur in der Frühschicht arbeiten. Aber der Berufsverkehr am Morgen mit Eltern, die ihre Kinder in Kitas und zur Schule bringen, sorgt für sehr volle Hauptstraßen. Das erfordert dann mehr Vorsicht.
Hat sich der Straßenverkehr aus Ihrer Sicht verändert?
Der Trend geht dahin, dass die Leute immer gestresster sind. Kinder abholen, Einkaufen, Termine – all das muss mit dem Berufsleben vereinbart werden. Der Verkehr wird dichter, Fahrspuren werden eingespart und die Verkehrsführung ändert sich. Dadurch steht man länger im Stau und hat immer weniger Zeit zwischen den Terminen. Das nimmt tendenziell immer mehr zu. Zudem werden die Fahrzeuge immer größer, während der Platz auf der Straße gleich bleibt. Dann kann es schnell eng werden.
Tipp: Parken Sie mit Köpfchen!
Sie sehen Mülltonnen am Straßenrand? Bitte parken Sie so, dass zwischen Ihrem Fahrzeug und den Behältern genügend Platz bleibt. So ermöglichen Sie den Müllwerkerinnen und Müllwerkern, die Tonnen problemlos zu bewegen. Schon ein paar Zentimeter können einen großen Unterschied machen!
Welche Rolle spielt Ablenkung im Straßenverkehr?
Das Niveau der Ablenkung ist konstant hoch. Oft sind andere Verkehrsteilnehmer durch das Telefon, Essen oder Ähnliches abgelenkt. Sie sehen uns zu spät oder sind überrascht, wenn ein Müllauto um die Ecke kommt. Viele sind im Stress und versuchen, alles gleichzeitig zu erledigen. Das ist manchmal schwierig.
Welche Reaktionen erleben Sie von anderen Verkehrsteilnehmenden, wenn Sie unterwegs sind?
Die Reaktionen sind gemischt. Einige bleiben entspannt und warten, andere versuchen, sich vorbeizudrängeln, hupen oder schimpfen. Ich wünsche mir mehr Verständnis für unsere Arbeit. Wir stehen nicht im Weg, weil wir uns langweilen oder wir jemanden ärgern wollen, sondern weil wir eine notwendige Arbeit verrichten, von der alle profitieren.
Herr Henselin
Herr Henselin, wir haben viel über Herausforderungen gesprochen. Gibt es auch Momente oder Begegnungen in Ihrem Arbeitsalltag, die Sie als besonders schön oder positiv empfinden?
Ja, es gibt viele Leute, die unsere Arbeit schätzen. Während des Corona-Lockdowns waren die Verkehrsteilnehmer viel entspannter. Da viele zu Hause waren, kam es häufiger vor, dass nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder herauskamen. Sie malten mit Kreide „Danke, liebe Müllabfuhr“ auf die Straße. Die Leute bedankten sich auch persönlich bei uns dafür, dass wir trotz der schwierigen Zeiten unseren Job machten und den Müll holten. Einmal sah ich durch die Kamera am Müllauto ein solches Kreidebild von oben. Es war so schön bunt mit Blumen und Regenbogen. Ich bin ausgestiegen und habe es meinem Kollegen gezeigt. Wir mussten es fotografieren, weil es so toll war.
Gibt es Verhaltensweisen anderer Menschen, die Ihre Arbeit unnötig erschweren?
Ja, zum Beispiel Fahrzeuge, die uns in engen Straßen entgegenkommen und nicht in eine freie Lücke fahren, sondern erwarten, dass wir mit dem Lkw ausweichen. Oder Radfahrer, die ständig zwischen Gehweg und Straße wechseln. Radfahrer, die noch nie in einem Lkw gesessen haben, können den toten Winkel oft nicht einschätzen. Im Straßenverkehr gilt gegenseitige Rücksichtnahme. Ich würde lieber kurz warten, als ein Risiko einzugehen.
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Wünschen Sie sich mehr Wissen über die Größe und das Sichtfeld von Müllfahrzeugen?
Ja, das wäre sehr hilfreich. In der Grundschule könnte beispielsweise im Rahmen des Fahrradführerscheins über die Gefahren von Kreuzungsbereichen und Radspuren neben dem Lkw aufgeklärt werden. Der Lkw-Fahrer meint es nicht böse, sieht aber eventuell nicht alles im Spiegel. Mehr Vermittlung wäre gut.
Was würden Sie sich wünschen, damit Ihr Arbeitsalltag entspannter wird und der Straßenverkehr sicherer?
Ich würde mir wünschen, dass Verkehrsteilnehmer mehr auf die ausgewiesenen Parkflächen achten würden. Das heißt konkret, dass man nicht auf Sperrflächen parken, Kreuzungsbereiche zustellen, Einfahrten zuparken oder vor abgesenkten Bordsteinen stehen sollte. Das stört nicht nur uns von der Müllabfuhr, sondern behindert auch die Arbeit von Rettungskräften.
Zudem erhoffe ich mir von allen Menschen mehr Geduld. Viele Probleme lösen sich von selbst, wenn man nicht hupt oder zu dicht auffährt. Im Zweifelsfall sollte man dann auch mal auf sein Vorrecht verzichten.Fußgänger und Radfahrer sollten besonders auf sich achten, vor allem wenn ein Lkw rückwärtsfährt. Um Kollisionen auszuschließen, sind unsere Fahrzeuge alle mit Abbiege- und Bremsassistenten sowie Kameras ausgestattet. Aber man sollte trotzdem kein Risiko eingehen.
Alle Verkehrsteilnehmer sollten außerdem auf ihre Beleuchtung achten. Radfahrer ohne Licht sind im Dunkeln kaum zu sehen. Im schlimmsten Fall bezahlen sie einen Zusammenstoß mit ihrem Leben.
Wie bleiben Sie in stressigen Situationen gelassen?
Meine grundsätzliche Lebenseinstellung hilft mir dabei. Natürlich gibt es Tage, an denen man sich ärgert, aber meistens denke ich mir: Wenn ich mich jetzt eine Stunde aufrege, ändert das nichts an der Situation. Also kann ich es mir auch sparen.
Bilder: Stadtreinigung Leipzig




