Wenn jede Sekunde zählt
Erste Hilfe nach Verkehrsunfall: richtig handeln
Ein Verkehrsunfall mit Verletzten: Ein Szenario, das niemand erleben möchte – und doch kann es jederzeit passieren. Im Ernstfall zählt jede Sekunde. Erfahren Sie hier, wie Sie korrekt Erste Hilfe leisten und Leben retten. Unser Experte Dr. Roland Huf gibt wertvolle Tipps.

Wie sichere ich die Unfallstelle richtig? Welche Erste-Hilfe-Maßnahmen sind wirklich wichtig? Darf ich Verletzte bewegen? Gerade wenn man selbst in einen Autounfall verwickelt ist, überkommen einen oft Unsicherheit und das Gefühl der Überforderung. Keine Sorge: Dies ist Ihr persönlicher Notfallplan für einen Verkehrsunfall. Unser Experte Dr. Roland Huf gibt wertvolle Tipps. Als ärztlicher Direktor der Björn Steiger Stiftung kennt er sich mit Notfällen aller Art aus und zeigt Ihnen, wie Sie auch in aufregenden Situationen einen kühlen Kopf bewahren.
Schritt 1: Selbstschutz und Absicherung der Unfallstelle
Eigenschutz geht immer vor! Das ist die wichtigste Regel bei jeder Hilfeleistung. Nur wenn Sie selbst sicher sind, können Sie anderen helfen. Handeln Sie daher besonnen und systematisch:
Schalten Sie sofort das Warnblinklicht ein.
Stellen Sie Ihr Fahrzeug sicher ab. Wenn Sie nicht in den Unfall verwickelt sind, stellen Sie etwa 10 bis 20 Meter vor der Unfallstelle (innerorts) ihr Fahrzeug ab, ggf. dahinter, wenn Sie aus der gleichen Richtung kommen.
Ziehen Sie die Warnweste an – noch bevor Sie das Fahrzeug verlassen.
Warndreieck aufstellen: Innerorts: ca. 50 Meter vor der Unfallstelle (bei dichtem Verkehr eventuell eher auf dem Autodach), Landstraße: ca. 100 Meter, Autobahn: 150 bis 400 Meter

Dr. Huf rät, schon vor einem möglichen Notfall zu prüfen, wo das Warndreieck im eigenen Fahrzeug liegt. Viele Verkehrsteilnehmende wissen das nicht. Die Warndreiecke sind oft nicht griffbereit, sodass Sie im Ernstfall wertvolle Zeit beim Suchen verlieren. Noch besser ist es, das Warndreieck so zu verstauen, dass es sofort griffbereit ist (besser im Innenraum und nicht im Kofferraum).
Gefahren nach einem Autounfall erkennen und beseitigen
Sofern Sie in den Unfall involviert sind oder sich als Ersthelferin oder -helfer einem Unfall nähern, prüfen Sie:
Läuft der Motor noch? → Zündung ausschalten
Riecht es nach Benzin? → Brandgefahr! Halten Sie einen Feuerlöscher bereit, falls vorhanden. Bei nicht vorhandenem Feuerlöscher: Nehmen Sie Abstand!
Ist der Airbag ausgelöst? → Achtung: Nicht ausgelöste Airbags können verzögert auslösen – halten Sie Abstand!
Gibt es weitere Gefahren (z. B. herabfallende Äste, Verkehr)?
Die Rettungskette – jedes Glied zählt.
Bei einem Verkehrsunfall greift die sogenannte Rettungskette:
Absichern: Unfallstelle sichern, Selbstschutz
Notruf: 112 wählen und Hilfe organisieren
Erste Hilfe: lebensrettende Sofortmaßnahmen
Rettungsdienst: professionelle Versorgung vor Ort
Krankenhaus: Weiterbehandlung
Jedes Glied dieser Kette ist wichtig und Sie sind als Ersthelferinnen und Ersthelfer das erste!
Schritt 2: Notruf absetzen – die 5 W-Fragen
Sobald die Unfallstelle gesichert ist, nähern Sie sich den Verletzten und setzen Sie den Notruf ab. In ganz Europa erreichen Sie Feuerwehr und Rettungsdienst gebührenfrei unter der 112. Alternativ können Sie die Polizei in Deutschland unter der 110 anrufen.
Tipp: Bitten Sie, wenn möglich, eine weitere Person den Notruf abzusetzen, während Sie sich um die Verletzten kümmern.
Die 5 W-Fragen für den Notruf:
Wo ist der Unfallort? (Straße, Fahrtrichtung, Kilometerangabe)
Was ist geschehen? (Auffahrunfall, Motorradunfall, Pkw gegen Baum etc.)
Wie viele Betroffene gibt es? Welche Verletzungen liegen vor? (Bewusstlos, stark blutend, eingeklemmt etc.)
Wer ruft an?
Warten auf Rückfragen und Anweisungen der Leitstelle.
Wichtig: Legen Sie nicht einfach auf! Die Disponentin oder der Disponent könnte Rückfragen haben oder Ihnen telefonisch Anweisungen für lebensrettende Maßnahmen geben. Dr. Huf betont: „In den Leitstellen können die Mitarbeiter Ihnen aktiv helfen, indem sie Ihnen erklären, was zu tun ist. Stellen Sie Ihr Handy auf Lautsprecher. Es gibt auch immer noch Notrufsäulen, sollte das Handy aus bestimmten Gründen nicht funktionieren.“ Nutzen Sie diese Unterstützung – Sie sind nicht allein!
Schritt 3: Wann muss ich Verletzte aus dem Fahrzeug retten?
Grundsätzlich gilt: Lassen Sie Verletzte im Fahrzeug, bis der Rettungsdienst eintrifft – es sei denn, die Person ist bewusstlos oder es besteht akute Lebensgefahr:
Brand oder Brandgefahr (Benzingeruch, Rauch)
Weitere Unfallgefahr (z. B. Fahrzeug auf Bahngleisen)
So geht der Rettungsgriff:
Öffnen Sie die Tür, schalten Sie die Zündung aus und achten Sie auf nicht ausgelöste Airbags.
Prüfen Sie, ob die Füße frei sind (nicht eingeklemmt).
Lösen oder durchschneiden Sie den Sicherheitsgurt.
Greifen Sie von hinten unter die Achseln der Person.
Fassen Sie mit beiden Händen einen Unterarm der Person von oben.
Die betroffene Person vom Sitz auf die Oberschenkel ziehen.
Ziehen Sie die Person aus dem Fahrzeug an einen sicheren Ort.
Leiten Sie Erste-Hilfe-Maßnahmen ein (Atmung prüfen, stabile Seitenlage oder Wiederbelebung).
Achtung bei eingeklemmten Personen: Fordern Sie sofort technische Hilfe (Feuerwehr) an und betreuen Sie die Person, bis die Rettungskräfte eintreffen! Halten Sie sich auf Autobahnen möglichst hinter den Leitplanken auf und bleiben Sie nie auf der Fahrbahn stehen.
Motorradunfälle – Helm abnehmen oder nicht?
Ja, der Helm muss ab, wenn die Person nicht ansprechbar ist – aber mit Vorsicht! Ohne Helmabnahme können Sie weder die Atmung kontrollieren noch eine Wiederbelebung durchführen. Doch Achtung: Es besteht die Gefahr von Halswirbelsäulenverletzungen!
So geht's richtig (idealerweise zu zweit):
Helfende Person 1 kniet oberhalb des Kopfes und stabilisiert den Hals (Unterkiefer und Helm festhalten).
Helfende Person 2 öffnet das Visier und den Kinnriemen.
Helfende Person 2 übernimmt die Stabilisierung des Halses (Hände seitlich am Kopf).
Helfende Person 1 zieht den Helm vorsichtig nach oben ab.
Der Kopf muss weiterhin gestützt werden – auch während der Beatmung oder der stabilen Seitenlage!
Allein? Wechseln Sie zwischen den Positionen und arbeiten Sie behutsam.
Schritt 4: Erste-Hilfe-Maßnahmen – Leben retten durch richtiges Handeln
In diesem Schritt geht es darum, die Vitalfunktionen der verletzten Person zu sichern. Dazu gehören Bewusstsein, Atmung und Kreislauf. Dies sind die wichtigsten Erste-Hilfe-Maßnahmen.
4.1 So prüfen Sie, ob ein Mensch bei Bewusstsein ist
Sprechen Sie die Person laut an: „Hallo, können Sie mich hören?“
Berühren Sie die Schulter der Person sanft.
Bei Bewusstsein:
Beruhigen und trösten Sie die Person: „Hilfe ist unterwegs, bleiben Sie ruhig.“
Schirmen Sie die Person vor Schaulustigen ab.
Oft kommt es in solchen Situationen zu Schockzuständen, welche lebensbedrohliche Kreislaufreaktionen sind. Wie Sie diese erkennen und behandeln:
Anzeichen:
Blässe, kalte, schweißnasse Haut
Zittern, Unruhe, Verwirrtheit
schneller, schwacher Puls
Maßnahmen:
Wirken Sie beruhigend auf die Person ein.
Legen Sie die Person hin und lagern Sie die Beine hoch (sofern keine Wirbelsäulenverletzung vorliegt).
Schützen Sie die Person mit einer Rettungsdecke vor Auskühlung.
Schirmen Sie die Person vom Unfallgeschehen ab.
4.2 So prüfen Sie, ob jemand regelmäßig atmet
Bei bewusstlosen Personen:
Laut um Hilfe rufen, damit Unterstützung kommt.
Atemwege freimachen: Überstrecken Sie den Kopf leicht nach hinten (Zunge kann sonst zurückfallen und Atemwege blockieren).
Atmung kontrollieren (max. 10 Sekunden): Sehen: Hebt und senkt sich der Brustkorb?, Hören: Sind Atemgeräusche hörbar?, Fühlen: Spüren Sie Luftbewegungen an Ihrer Wange?
Ist eine normale Atmung vorhanden? → Stabile Seitenlage (weiter zu 4.3) Keine oder keine normale Atmung? → Sofort mit der Wiederbelebung beginnen! (Weiter zu 4.4)
4.3 So geht die stabile Seitenlage
Wenn die Person bewusstlos ist, aber normal atmet, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage. Damit stellen Sie sicher, dass weder Erbrochenes noch Blut in die Atemwege gelangt.
So geht's:
Knien Sie seitlich neben der Person.
Strecken Sie die Beine der auf dem Rücken liegenden Person aus.
Winkeln Sie den Arm auf Ihrer Seite nach oben an (90-Grad-Winkel).
Greifen Sie den anderen Arm und legen Sie ihn quer über den Oberkörper zur gegenüberliegenden Schulter.
Greifen Sie den Oberschenkel auf der anderen Seite und ziehen Sie die Person zu sich herüber, sodass sie auf der Seite liegt.
Überstrecken Sie den Kopf leicht und öffnen Sie den Mund der Person.
Wichtig: Kontrollieren Sie regelmäßig die Atmung, bis der Rettungsdienst eintrifft!
4.4 So funktioniert eine Wiederbelebung (Herzdruckmassage und Beatmung)
Wenn die Person nicht atmet oder nur röchelnde, unregelmäßige Atemzüge macht, beginnen Sie sofort mit der Wiederbelebung:
Herzdruckmassage:
Knien Sie seitlich neben der Person.
Legen Sie einen Handballen auf die Mitte des Brustkorbs.
Legen Sie die zweite Hand darauf und verschränken Sie die Finger.
Drücken Sie mit gestreckten Armen 5–6 cm tief in den Brustkorb.
Tempo: ca. 100–120-mal pro Minute drücken, zum Beispiel im Takt: „Stayin' Alive“ von den Bee Gees.
Rhythmus: 30-mal Herzdruckmassage + zweimal beatmen
Wenn Sie sich eine Beatmung nicht zutrauen, führen Sie die Herzdruckmassage ohne Unterbrechung weiter durch.
Tipp von Dr. Huf: Auch andere Lieder mit einer ähnlichen Taktfrequenz eignen sich, zum Beispiel „Biene Maja“.
Beatmung:
Überstrecken Sie den Kopf der Person.
Verschließen Sie die Nase (oder bei der Mund-zu-Nase-Beatmung den Mund).
Beatmen Sie die Person zweimal (jeweils ca. eine Sekunde lang), sodass sich der Brustkorb dabei sichtbar hebt.
Führen Sie die Wiederbelebung ununterbrochen durch, bis:
der Rettungsdienst eintrifft oder
die Person wieder normal atmet.
Achtung: Wenn die Atmung wieder einsetzt, brechen Sie die Wiederbelebung ab und bringen Sie die Person in die stabile Seitenlage.
Erste-Hilfe-Mythos „Ich könnte etwas falsch machen“
Falsch! Der einzige echte Fehler ist, gar nichts zu tun. Viele Verkehrsteilnehmende haben vor allem bei der Herzdruckmassage Sorge, zu fest zu drücken. Dr. Huf klärt auf und nimmt zugleich die Angst: „Es kommt nicht darauf an, wie fest Sie drücken, sondern darauf, was wirklich zählt: die Eindrücktiefe. Diese entspricht in etwa der eines Tennisballs. Rippenbrüche können zwar entstehen, sind im Verhältnis zum Leben retten jedoch oft unbedeutend. Selbst wenn Sie ein Knacken hören, reanimieren Sie stets weiter.“
Jede Herzdruckmassage, auch wenn sie nicht perfekt ist und eventuell Rippenbrüche verursacht, kann Leben retten. Eine gebrochene Rippe heilt, ein Herzstillstand ohne Hilfe endet tödlich.
4.5 So können Sie eine starke Blutung mit einem Druckverband stillen
Bei stark blutenden Wunden:
Ziehen Sie Einmalhandschuhe an (falls vorhanden im Erste-Hilfe-Kasten).
Legen Sie eine Wundauflage auf die Wunde.
Wickeln Sie eine Mullbinde (eine Art von Verband) mehrfach um die Wunde.
Legen Sie ein Druckpolster (z. B. eine zweite, zusammengerollte Mullbinde) auf die Wunde.
Fixieren Sie das Druckpolster mit weiteren Wicklungen der Mullbinde fest, aber nicht abschnürend.
Lagern Sie die verletzte Körperstelle möglichst hoch, sofern dies ohne zusätzliche Schmerzen oder Bewegung der Verletzung möglich ist, um den Blutverlust zu verringern.
Wichtig: Berühren Sie die Wunde nicht mit bloßen Händen.
4.6 So versorgen Sie Knochenbrüche, Verbrennungen oder Wirbelsäulenverletzungen
Knochenbrüche:
Bewegen Sie die Person nicht.
Decken Sie die Wunde mit sterilem Verbandmaterial ab.
Kühlen Sie geschlossene Verletzungen vorsichtig (z. B. mit einem Kühlpack, nicht direkt auf der Haut. Legen Sie ein dünnes Tuch oder Kleidungsstück zwischen Haut und Kühlpack, um Gewebeschäden durch Kälte zu vermeiden).
Versuchen Sie nicht, den Bruch selbst zu stabilisieren oder zu fixieren.
Verbrennungen:
Entfernen Sie verbrannte Kleidung nur, sofern diese nicht mit der Brandwunde verkrustet ist.
Kühlen Sie kleinere Verbrennungen mit handwarmem bis kühlem Leitungswasser für etwa 10 bis 20 Minuten.
Decken Sie die Wunde mit einem Verbandtuch ab.
Verdacht auf Wirbelsäulenverletzung:
Bewegen Sie die Person auf keinen Fall (außer bei akuter Lebensgefahr).
Stabilisieren Sie den Kopf.
Warten Sie auf den Rettungsdienst.
Gaffen und Fotografieren – bitte nicht!
Ein Appell an alle Verkehrsteilnehmenden: Gaffen kostet Leben! Staus und Schaulustige halten Rettungskräfte oft auf. Fahren Sie deshalb bitte vorbei, ohne anzuhalten, und bilden Sie eine Rettungsgasse!
Außerdem: Das Fotografieren oder Filmen von Unfallopfern ist strafbar (Verletzung des Persönlichkeitsrechts) und zutiefst respektlos. Es droht eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren oder eine Geldstrafe.
Frischen Sie Ihr Wissen auf: Erste-Hilfe-Kurs wiederholen!
Wann haben Sie das letzte Mal an einem Erste-Hilfe-Kurs teilgenommen? Oft erinnern sich Menschen nur vage an die Inhalte ihrer Führerscheinprüfung, die Jahre oder Jahrzehnte zurückliegt. Dabei verändern sich Erste-Hilfe-Techniken und regelmäßige Auffrischungen sind entscheidend, um im Notfall sicher handeln zu können.
Unser Tipp: Nehmen Sie alle zwei bis drei Jahre an einem Auffrischungskurs teil! Diese Kurse dauern nur wenige Stunden und vermitteln Ihnen die nötige Sicherheit, um im Ernstfall richtig zu reagieren. Viele Arbeitgeber bieten solche Kurse sogar kostenlos an.

Informationen und Kurstermine finden Sie beispielsweise bei:
Björn Steiger Stiftung
Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG)
Johanniter-Unfall-Hilfe
Malteser Hilfsdienst
Arbeiter-Samariter-Bund (ASB)
Unterwegs mit dem Rettungsdienst
Auf der Suche nach #mehrAchtung begleitet der Comedian Fabian Köster zwei Hamburger Rettungskräfte bei ihrer Arbeit. Jetzt anschauen!
Bilder: Shutterstock, Roland Huf, Björn Steiger Stiftung


