Wenn Geschwindigkeit zur Gefahr wird

Illegale Straßenrennen: Was steckt dahinter?

Bei illegalen Straßenrennen geht es um Status, Anerkennung und Nervenkitzel. Doch die Teilnahme kann schwere Folgen haben – für Beteiligte und vor allem für Unbeteiligte. Verkehrspsychologin Dr. Madlen Ringhand im Interview über Dynamik, Risiken und wirksame Prävention.

30.06.2026
6 min Lesedauer

Das Wichtigste in Kürze:

  • Illegale Straßenrennen sind mehr als nur Raserei. Sie sind ein komplexes Zusammenspiel aus Nervenkitzel, dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Gruppendruck.

  • Unbeteiligte tragen ein großes Risiko, verletzt oder getötet zu werden.

  • Verkehrspsychologin Dr. Madlen Ringhand erklärt im Interview, dass vor allem junge Männer anfällig für riskantes Verhalten sind, da ihr Gehirn in extremen Situationen die Folgenabschätzung zugunsten des Belohnungssystems zurückstellt.

  • Die Prävention ist entscheidend und setzt auf strenge Gesetze, Kontrollen und Sanktionen bei Verstößen sowie auf das Erinnern an die Verantwortung beim Führen eines motorisierten Kraftfahrzeugs.

  • Genauso wichtig für Präventionsarbeit sind Dialog, Selbstreflexion und das Aufzeigen sinnvoller Alternativen.

  • Die Aufklärung und Stärkung der Selbstbehauptung – besonders bei Kindern und Jugendlichen – sind von großer Bedeutung.

Illegale Straßenrennen: eine psychologische Einordnung und Wege zur Prävention

Illegale Straßenrennen sorgen regelmäßig für Schlagzeilen – vor allem dann, wenn Menschen dabei schwer verletzt oder getötet werden. Immer wieder geraten auch andere Verkehrsteilnehmende in Lebensgefahr. Doch was bringt Menschen dazu, für ein paar Sekunden Adrenalin so viel aufs Spiel zu setzen? Welche Rolle spielen Gruppendruck, soziale Medien und das Bedürfnis nach Anerkennung? Und vor allem: Wie lässt sich gegensteuern, bevor aus riskantem Verhalten eine reale Gefahr wird? Dr. Madlen Ringhand, Verkehrspsychologin beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR), ordnet die Problematik ein und erklärt, warum Prävention so wichtig ist.

Frau Dr. Ringhand, illegale Autorennen sind extrem riskant und gefährden vor allem Unbeteiligte. Warum üben sie dennoch auf einige Fahrende eine solche Faszination aus?

Weil sich hier körperlicher Nervenkitzel und soziale Anerkennung gegenseitig verstärken. Geschwindigkeit löst intensive Reaktionen aus: Der Herzschlag steigt, Adrenalin wird ausgeschüttet. Dieses Gefühl ist vielen aus dem Sport bekannt, im Straßenkontext erhält es jedoch eine zusätzliche Bedeutung. Es geht nicht nur um Tempo, sondern auch um Status und Zugehörigkeit. Ein leistungsstarkes Fahrzeug kann für manche zum Symbol für Kontrolle und Überlegenheit werden. Wer es beherrscht, demonstriert Kompetenz. Das Geschehen wird zur Bühne, auf der man gesehen und innerhalb der Gruppe bestätigt werden möchte.

Dr. Madlen Ringhand, Verkehrspsychologin beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat
Dr. Madlen Ringhand, Verkehrspsychologin beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat, erklärt, welche Dynamiken hinter illegalen Straßenrennen stecken.

Sind es eher bestimmte Charaktereigenschaften, die Beteiligte zu solchen Aktionen motivieren, oder das soziale Umfeld?

Es ist immer ein Zusammenspiel. Individuelle Persönlichkeitsmerkmale spielen eine Rolle – etwa ausgeprägtes „Sensation Seeking“, also die Suche nach intensiven Reizen. Menschen mit einer hohen Ausprägung empfinden starke Aktivierung als besonders attraktiv. Hinzu kommen Impulsivität, Risikobereitschaft und teilweise eine Tendenz zur Selbstüberschätzung. Doch diese Merkmale entfalten ihre Wirkung nicht im luftleeren Raum: Auf der Straße, in der Öffentlichkeit, in einer Gruppe Gleichgesinnter potenzieren sie sich.

Empathie tritt unter Gruppendruck in den Hintergrund.

Dr. Madlen Ringhand, Verkehrspsychologin beim DVR

Welche Dynamiken werden in Gang gesetzt?

Gruppen verändern Entscheidungsprozesse. Sie bewerten Risiken häufig anders als Einzelpersonen. Subjektiv gesehen verteilen die Beteiligten die Verantwortung, sodass die Hemmschwelle sinkt. Gleichzeitig entsteht ein impliziter Wettbewerb. Wer beschleunigt stärker? Wer fährt mutiger? Die Anerkennung durch Freunde wirkt dabei wie ein Verstärker für das Belohnungssystem. Schon die bloße Anwesenheit Gleichaltriger kann dazu führen, dass riskanter gefahren wird.

Was geschieht in solchen Momenten im Gehirn?

Neben dem „Kick“ durch die Ausschüttung von Adrenalin wird das Belohnungssystem stark aktiviert. Dopamin signalisiert: Das lohnt sich, das fühlt sich gut an. Gleichzeitig wird die Aktivität in den Bereichen reduziert, die für die langfristige Folgenabschätzung und die Impulskontrolle zuständig sind. Das bedeutet nicht, dass Menschen nicht wissen, was sie tun. Aber die Gewichtung verschiebt sich. Das unmittelbare Erleben überlagert die abstrakte Vorstellung möglicher Konsequenzen. In diesem Zustand kommt es leichter zu Selbstüberschätzung: Man glaubt, das Fahrzeug unter Kontrolle zu haben und die Situation einschätzen zu können – selbst bei extremen Geschwindigkeiten.

Drei Personen stehen nachts neben einem Auto, im Hintergrund sind Lichter einer Stadt zu sehen.
Nicht nur das Tempo zählt: In der Dynamik einer Gruppe wachsen Wettbewerb und gegenseitige Bestätigung. Das kann die Risikowahrnehmung deutlich verschieben.

Der Gedanke, andere Verkehrsteilnehmende massiv zu gefährden, wird also einfach ausgeblendet?

Empathie ist normalerweise ein Schutzmechanismus, der uns hilft, die Risiken für andere mitzudenken. In hoch emotionalisierten Situationen mit Gruppendruck und Wettbewerb wird diese Perspektive jedoch in den Hintergrund gedrängt. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr illegaler Autorennen: Nicht die Beteiligten tragen das größte Risiko, sondern oft völlig Unbeteiligte.

Grafik mit der Anzahl der Eintragungen illegaler Autorennen im Fahreignungsregister

Der Anstieg seit Einführung des Straftatbestands relativiert sich bei genauerem Blick. Im Fahreignungsregister wird das Jahr der rechtskräftigen Entscheidung erfasst. Eintragungen eines Jahres können daher auf Rennen aus früheren Zeiträumen zurückgehen.

Manche Menschen fühlen sich angesichts solcher Berichte verunsichert und sorgen sich, ungewollt in eine solche Situation zu geraten. Was raten Sie ihnen?

Zunächst muss ich sagen, dass illegale Rennen gemessen am gesamten Verkehrsgeschehen seltene Ereignisse sind. Dennoch kann es vorkommen, dass man auf sehr dynamische oder riskant wirkende Fahrmanöver trifft. Dann hilft es, Abstand zu gewinnen, das eigene Tempo anzupassen und die Situation nicht eskalieren zu lassen. Wer den Eindruck hat, dass sich ein gefährliches Geschehen entwickelt, kann seine Beobachtungen melden. Grundsätzlich trägt ein vorausschauender, gelassener Fahrstil dazu bei, Risiken zu reduzieren.

Inwiefern befeuern soziale Medien den Hype um illegale Straßenrennen?

Wer riskante Fahrten filmt und online stellt, erhält unmittelbares Feedback in Form von Likes, Kommentaren und Reichweite. Das sind soziale Belohnungen, die gefährliches Verhalten stabilisieren oder sogar intensivieren können. Dadurch verschiebt sich die Wahrnehmung dessen, was als normal oder akzeptabel gilt. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Solche Inhalte können Nachahmungstaten fördern.

Eine Person hält nachts ein Smartphone, auf dessen Display eine beleuchtete Stadtstraße zu sehen ist.
Gefilmt, geteilt, geliked: Digitale Aufmerksamkeit wirkt wie eine soziale Belohnung – und kann gefährliches Fahrverhalten zusätzlich verstärken. Mehr dazu in der DVR-Podcastfolge „Rasen für Klicks – wenn Geschwindigkeit zur Gefahr wird“.

Auffällig ist, dass überwiegend junge Männer an solchen Autorennen beteiligt sind. Warum?

Statistisch gesehen zeigen junge Männer eine höhere Risikobereitschaft und Impulsivität. Zudem reagieren sie sensibler auf Einflüsse ihrer sozialen Bezugsgruppe. Hinzu kommen gesellschaftliche Männlichkeitsnormen, in denen Geschwindigkeit, Technikbeherrschung und Dominanz als Ausdruck von Stärke gelten. Solche Muster werden durch Sozialisation verstärkt.

Illegale Straßenrennen sind eine Straftat gemäß §315d StGB und können schwer geahndet werden. Warum schreckt das die Teilnehmenden dennoch nicht ab?

Abschreckung setzt voraus, dass die Konsequenzen im Entscheidungsprozess ausreichend berücksichtigt werden. Das ist in so extremen Situationen selten der Fall. Dazu kommt: Häufig sind Beteiligte bereits zuvor durch Verkehrsverstöße aufgefallen. Das deutet darauf hin, dass nicht fehlendes Wissen das Problem ist, sondern die emotionale und soziale Dynamik. Umso wichtiger ist Prävention – und zwar auf vielen Ebenen.

Sie gehen mit Trainerinnen und Trainern in Unternehmen und geben dort Aufklärungsseminare für junge Menschen. Wie erleben Sie diese Zielgruppe?

Viele sind zunächst skeptisch und haben keine Lust darauf, belehrt zu werden. Genau deshalb setzen wir nicht auf Moralappelle, sondern auf Dialog. Wir beginnen mit Fragen, nicht mit Verboten. Es geht darum, eigene Erfahrungen sichtbar zu machen. Oft braucht es einen Moment, bis jemand von einer riskanten Situation oder einem Beinaheunfall berichtet. Doch sobald das passiert, verändert sich die Dynamik. Die Gruppe hört zu, ergänzt und reflektiert. Die Teilnehmenden entwickeln die möglichen Präventionsansätze und praktischen Alltagstipps selbstständig. Die Einsicht entsteht aus dem Inneren der Gruppe heraus – und wird nicht von außen verordnet.

Warum ist das entscheidend?

Weil nachhaltige Verhaltensänderungen selten durch Abschreckung, sondern durch Selbstreflexion entstehen. Wenn junge Menschen selbst erkennen, welche Konsequenzen ihr Verhalten haben kann, verschiebt sich auch die soziale Norm innerhalb der Gruppe. Plötzlich gilt nicht mehr das größte Risiko als mutig, sondern verantwortliches Handeln.

Was können Eltern, Lehrkräfte und andere Bezugspersonen konkret tun, um Kinder frühzeitig zu stärken?

Wichtig ist, von Anfang an die Selbstbehauptung zu fördern. Kinder sollten lernen, ihre eigenen Grenzen wahrzunehmen und für ihre Meinung einzustehen, auch wenn andere Druck ausüben. Dazu gehört die Erfahrung, dass man „Nein“ sagen darf, ohne ausgeschlossen zu werden. Wer früh erlebt, dass Zugehörigkeit nicht davon abhängt, jede riskante Idee mitzumachen, entwickelt mehr innere Sicherheit.

Welche weiteren Ansätze sind aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Gemeinschaft, Anerkennung und das Erleben von Intensität sind reale Bedürfnisse. Es reicht daher nicht, zu sagen: „Das ist gefährlich und verboten, Punkt.“ Wir müssen auch Alternativen aufzeigen. Beim Sport kann man ebenfalls in einen Rauschzustand kommen, Energie abbauen und den Alltag vergessen, ohne andere zu gefährden. Es gibt außerdem legale Rennen und andere leistungsorientierte Aktivitäten. Wichtig ist, jungen Menschen zu vermitteln: Nutze deine Energie für etwas Sinnvolles!

Die wichtigsten Fragen und Antworten zu illegalen Straßenrennen

1. Was ist die Strafe für illegale Straßenrennen?

Illegale Straßenrennen sind eine Straftat gemäß §315d StGB und können schwer geahndet werden. Die Strafen unterscheiden sich je nach Vergehen:

  • Die Teilnahme an einem illegalen Straßenrennen kann mit einer Geldstrafe oder mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 2 Jahren geahndet werden.

  • Kommt es dabei zu Gefährdungen, ist neben einer Geldstrafe auch eine Freiheitsstrafe von bis zu 5 Jahren möglich.

  • Bis zu 10 Jahre Freiheitsstrafe kann es geben, wenn es bei einem illegalen Straßenrennen zu Personenschäden kommt.

2. Welche Folgen haben illegale Straßenrennen?

Die Teilnahme an illegalen Straßenrennen kann schwere Folgen für alle Beteiligten haben, insbesondere aber für Unbeteiligte. Bei illegalen Straßenrennen werden im schlimmsten Fall Menschen verletzt und getötet. Weitere Folgen können schwere Sachbeschädigungen oder persönliche Strafen für die Beteiligten am illegalen Straßenrennen sein.

3. Wo finden illegale Straßenrennen statt?

Illegale Straßenrennen finden im öffentlichen Verkehrsraum statt, der dabei zu einer Bühne für riskantes Verhalten wird. Laut §315d StGB sind Merkmale eines illegalen Autorennens etwa nicht angepasste und überhöhte Geschwindigkeit sowie grob verkehrswidrige und rücksichtslose Fortbewegung, um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen.

4. Was kann man gegen illegale Autorennen tun?

Im Straßenverkehr geht es um verantwortungsvolles Handeln – für sich selbst und auch für andere. Wer Unfälle verursacht, setzt Menschenleben leichtsinnig aufs Spiel – mit irreversiblen Folgen für Betroffene und Täter gleichermaßen. Prävention ist entscheidend und sollte laut Verkehrspsychologin Dr. Madlen Ringhand vom DVR auf vielen Ebenen ansetzen. Der Fokus sollte neben strengen Gesetzen, Kontrollen und Sanktionierungen bei Verstößen auch auf Dialog, Selbstreflexion und dem Aufzeigen sinnvoller Alternativen liegen. Bei der Aufklärung junger Menschen gehe es darum, eigene Erfahrungen sichtbar zu machen, damit Einsicht und nachhaltige Verhaltensänderungen aus der Gruppe heraus entstehen.

Eltern, Lehrkräfte und Bezugspersonen können Kinder frühzeitig stärken, indem sie Selbstbehauptung fördern und vermitteln, dass man „Nein“ sagen darf, ohne ausgegrenzt zu werden. Zudem sollten Alternativen wie Sport, legale Rennen oder andere leistungsorientierte Aktivitäten aufgezeigt werden, um die Energie junger Menschen sinnvoll zu nutzen.

Für Unbeteiligte, die sich unsicher fühlen, wird geraten, Abstand zu gewinnen, das eigene Tempo anzupassen und die Situation nicht eskalieren zu lassen. Beobachtungen gefährlicher Geschehnisse sollten gemeldet werden.

Bilder: #mehrAchtung, Shutterstock, Daniela Stanek/DVR

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