Interview mit einem Tunnel-Operator
„Im Notfall ist frühes Handeln ausschlaggebend.“
Die Sicherheit in deutschen Autobahntunneln hat höchste Priorität. Doch was passiert, wenn ein Notfall eintritt und Sie sofortige Hilfe benötigen? In solchen Momenten behält Thomas Weyrich den Überblick. Als erfahrener Operator und Schichtleiter überwacht er in der Zentralen Betriebsleitstelle in Zella-Mehlis insgesamt 42 Röhrenkilometer und gewährt Einblicke in seinen Arbeitsalltag – einen Bereich, in dem jede Sekunde zählt und das richtige Verhalten über Leben und Tod entscheiden kann.
Herr Weyrich, aus jedem längeren Straßentunnel kennt man die orangen Notrufstationen. Welche Vorteile haben diese und was passiert eigentlich in Ihrer Tunnelleitzentrale, wenn jemand eine fest installierte Notrufsäule nutzt?
Die Notrufkabinen sind unser effektivstes Werkzeug im Notfall und bieten immense Vorteile. Sobald Verkehrsteilnehmer die Tür einer Notrufkabine öffnen, erhalten wir eine automatische Aufschaltung auf unsere Monitore. Das System übermittelt uns sofort den genauen Standort – Tunnel, Fahrtrichtung und Kilometerangabe. Parallel dazu leitet das System eigenständig erste Sicherheitsmaßnahmen ein: Es bremst den nachfolgenden Verkehr automatisch von 80 auf 60 km/h ab und aktiviert Rundumleuchten, um die Aufmerksamkeit anderer Verkehrsteilnehmer zu erregen. So gewinnen wir sofort wertvolle Zeit, können die Situation visuell über unsere Kameras erfassen und eine erste Einschätzung vornehmen, noch bevor Sie mit uns sprechen. Der größte Vorteil ist der direkte Kontakt: Sie sprechen ohne Verzögerung durch externe Vermittlungsstellen direkt mit uns in der Tunnelleitzentrale. Im Notfall ist frühes Handeln absolut ausschlaggebend.
Warum sollte man im Tunnel dann besser keinen Notruf über 112 oder 110 per Handy wählen?
Ein Anruf per Handy kostet genau die wertvollen Minuten, die wir mit der Notrufkabine sparen. Wenn Sie das Mobiltelefon nutzen, erreichen Sie mit Ihrem Anruf zuerst eine allgemeine Rettungsleitstelle. Diese hat oft nicht sofort den genauen Tunnelstandort parat und muss uns dann erst kontaktieren. Außerdem haben diese reinen Rettungsleitstellen keinen visuellen Einblick in die Tunnelröhren. Das führt zu Kommunikationsverlusten und erheblichen Verzögerungen bei der Einleitung der Rettungsmaßnahmen. Im Gegensatz dazu sind wir über die Notrufkabine sofort informiert und handlungsfähig – mit allen notwendigen Details.

Thomas Weyrich ist Schichtleiter der Zentralen Betriebsleitstelle Zella-Mehlis der Autobahn GmbH und sichert den Verkehr in Thüringens Tunneln. Umgeben von Überwachungsmonitoren ist er im Notfall die erste Anlaufstelle.
Welche Fakten beim Notruf wichtig sind:
Was ist passiert? Handelt es sich um einen Unfall, einen Brand, eine Rauchentwicklung, ein medizinisches oder ein technisches Problem?
Wie viele Personen oder Fahrzeuge sind beteiligt?
Gibt es Verletzte?
Wird medizinische Hilfe benötigt?
Wie geht es dann weiter?
Während wir allgemeine Informationen erfragen, leitet mein Team parallel dazu bereits Maßnahmen ein. Erkennen wir ein ernstes Szenario über unsere Kameras – etwa Rauchentwicklung – sperren wir die betroffene Tunnelröhre beziehungsweise den kompletten Tunnel sofort über Schrankenanlagen, damit keine weiteren Fahrzeuge einfahren und die Gefahr erhöhen. Gleichzeitig alarmieren wir die zuständige Rettungsleitung – und Polizeidienststelle, indem wir eine vordefinierte Einsatzstufe übermitteln. Diese Einsatzstufen reichen von kleineren technischen Hilfen bis zu Großbränden oder Unfällen mit Gefahrgut. Jede Stufe definiert genau, welche Feuerwehren, Rettungsdienste und Polizeikräfte in welcher Stärke ausrücken. Wir haben das Glück, zum Beispiel für die Tunnelkette „Kammquerung Thüringer Wald“ über eine eigene, speziell ausgebildete Tunnelfeuerwehr zu verfügen, die innerhalb weniger Minuten vor Ort sein kann.
Im Tunnelnotfall zählt jede Sekunde! Diese Aufnahme zeigt die Eingänge zu den Notausgängen und Notrufstationen. Grüne Schilder weisen den Weg zu den Notausgängen. Die orangefarbene Notrufstation ist der direkte Draht zur Leitzentrale.

Was können Verkehrsteilnehmende tun, um Ihnen die Arbeit zu erleichtern und schnelle Hilfe zu gewährleisten?
Das Allerwichtigste ist eine schnelle und präzise Informationsweitergabe. So können wir den Dialog aufrechterhalten und alle nötigen Details erfragen. Die Kilometerangaben, die in den Notrufnischen oder an Schildern im Tunnel stehen, sind zum Beispiel für uns Gold wert, um Ihren genauen Standort zu ermitteln.
Sie haben bereits erwähnt, dass das System den Standort automatisch erkennt, wenn eine Notrufstation genutzt wird. Warum bitten Sie dann trotzdem darum, die Kilometerangaben auch über die Notrufstation mitzuteilen?
Die automatische Ortung gibt uns eine hervorragende erste Einschätzung. Doch jede zusätzliche Information erhöht die Präzision und minimiert Fehler. Es kann beispielsweise sein, dass jemand die Nische öffnet, sie dann aber aus irgendeinem Grund wieder verlässt oder in Panik nicht klar sprechen kann. Wenn Sie uns zusätzlich die Kilometerangabe und die Fahrtrichtung nennen, dient dies als wertvolle Verifizierung. Wir gleichen die Systemdaten mit Ihrer verbalen Angabe ab und können so noch schneller und zielgerichteter Rettungskräfte schicken. Die Kombination aus Technik und menschlicher Rückmeldung gewährleistet die höchste Sicherheit.
Welche Erfahrungen machen Sie mit Verkehrsteilnehmenden in Notfällen, was läuft manchmal falsch?
Das größte Problem sehen wir in mangelnder Rückmeldung und in der falschen Einschätzung der Situation. Oft fahren Verkehrsteilnehmer in eine Pannenbucht, melden sich dann aber nicht. Wir sehen dann das stehende Fahrzeug und müssen trotzdem kontrollieren, was los ist. Manchmal handelt es sich um gesundheitliche Probleme, bei denen jede Sekunde zählt.


Ein anderer häufiger Fehler: Verkehrsteilnehmer verlassen ihr Fahrzeug nicht sofort, wenn ein Problem auftritt. Besonders bei einem Brand sind die ersten Minuten entscheidend. Die größte Gefahr stellen dabei nicht die Flammen selbst, sondern giftige Gase und Rauch dar. Unser Appell ist daher klar: Verlassen Sie Ihr Fahrzeug sofort und bringen Sie sich in Sicherheit!
Wie sollen sich Verkehrsteilnehmende in spezifischen Notfallsituationen im Tunnel verhalten? Experte Thomas Weyrich empfiehlt:
Achten Sie immer auf Lautsprecher- und Radiodurchsagen: Bei Notfällen können die Tunnelleitzentralen die Frequenzen der regulären Radioprogramme überlagern, um Verkehrsteilnehmende über diese Kanäle zu informieren. Befolgen Sie die Anweisungen unbedingt!
Bei Brand oder Rauchentwicklung: Fahrzeug sofort verlassen und reagieren: Lassen Sie das Fahrzeug in einer Pannenbucht stehen. Betätigen Sie den Druckknopfmelder, um den Brandalarm auszulösen. Wagen Sie bei Entstehungsbränden nur dann einen Löschversuch mit den Feuerlöschern aus dem Fach in der Notrufstation, wenn Sie sich dazu in der Lage fühlen. Setzen Sie anschließend umgehend einen Notruf ab (z. B. über die Notrufstation).
Nutzen Sie die Notrufstationen: Für eine direkte und schnelle Kommunikation nutzen Sie die Notrufstationen. Mitarbeitende der Tunnelleitzentrale können Sie dann sofort Ihren Standort sehen. Egal, welchen Knopf Sie an der Notrufeinrichtung drücken: Sie landen immer in der Tunnelleitzentrale.
Auf Anweisung oder bei erforderlichem Eigenschutz eigenständig
einen sicheren Ort aufsuchen: Bei Feuer oder Rauchentwicklung sind die ersten Minuten entscheidend. Lassen Sie Ihr Auto in einer Pannenbucht oder äußerst rechts am Fahrstreifen stehen und suchen Sie schnellstmöglich einen Notausgang oder Brandschutzraum auf. Diese befinden sich in den Verbindungsstollen zwischen den Tunnelröhren. Folgen Sie dazu den grünen Hinweisschildern. In diesen Bereichen stehen ebenfalls Notrufsprechstellen zur Verfügung.
Anderen helfen: Unterstützen Sie andere, verunsicherte, mobilitätseingeschränkte Verkehrsteilnehmende.
Herr Weyrich, Ihr Arbeitsalltag ist geprägt von einer Vielzahl technischer Meldungen. Wie erkennen und priorisieren Sie in dieser Informationsflut kritische Situationen schnell?
Das ist tatsächlich eine unserer Kernaufgaben. Wir erhalten täglich hunderte Meldungen – von der defekten Glühlampe bis zum gefüllten Schacht für Abwässer. Das System signalisiert uns diese visuell und akustisch. Unsere Operatoren schulen wir darin, die Relevanz einer Meldung sofort einzuschätzen. Wir unterscheiden, ob es sich um eine reine Betriebsmeldung, eine Störung, die eine schnelle Behebung erfordert, oder einen echten Notfall handelt. Wir überprüfen alles: Wenn beispielsweise ein Abwasserschacht voll ist, veranlassen wir das Abpumpen. Wir organisieren alle technischen Betriebsabläufe der Tunnel im Normal- und Störungsfall. Mein Team und ich gewährleisten ständig den Verkehrsfluss und somit die Sicherheit in unseren Tunnelanlagen. Dafür arbeiten wir im 3-Schicht-System mit 8-Stunden-Schichten, am Wochenende in 12-Stunden-Schichten, mit immer mindestens zwei bis drei Mitarbeitenden, die permanent anwesend sind.
Operator Thomas Weyrich
Das klingt nach einer hohen Belastung und großer Verantwortung. Welche technischen Systeme unterstützen Sie und Ihr Team bei der Überwachung dieser umfangreichen Infrastruktur?
Unsere Arbeit basiert auf modernster Technik. Kamerasysteme sind unser wichtigstes Auge im Tunnel, das wir durch diverse Sensoren ergänzen. Wir nutzen Sichttrübungsmesser, die Verschmutzungen und Rauchentwicklung in der Luft registrieren, sowie CO-Melder, die die Luftqualität kontinuierlich prüfen. Temperaturmesskabel überwachen die Temperatur unterhalb der Tunneldecke und lösen bei starken Anstiegen sofort Alarm aus. Ebenso steuern wir die Beleuchtung und Belüftung sowie die Verkehrszeichenanlagen. All diese Daten laufen bei uns zusammen und ermöglichen eine lückenlose Überwachung. In unserem Zuständigkeitsbereich sind rund 850 Kameras installiert, die uns automatisch Bilder liefern, sobald ein relevanter Vorfall registriert wird.
Welche Botschaft möchten Sie allen Verkehrsteilnehmenden mit auf den Weg geben?
Die wichtigste Botschaft lautet: Bleiben Sie aufmerksam und reagieren Sie entschlossen! Die deutschen Tunnel sind sehr sicher, aber im Ernstfall zählt jede Sekunde.
Wir sind für jede Information dankbar, die uns erreicht. Lieber ein Anruf zu viel als einer zu wenig. Denn nur mit Ihrer Mithilfe können wir schnell und effektiv reagieren und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer gewährleisten.
Bilder: Fernstraßen-Bundesamt, F. Frebel, Christopher Schmid, ZBL-Zella-Mehlis


