50 Jahre Anschnallpflicht
Ein Klick, der Leben retten kann
Der Sicherheitsgurt war einst umstritten, heute ist er selbstverständlich – und Lebensretter Nummer eins. Warum Anschnallen auf jedem Sitzplatz im Auto wichtig ist, wie der Gurt richtig sitzt und weshalb er auch auf kurzen Strecken Leben retten kann.

Die folgenden Szenen spielen in der damaligen Bundesrepublik: Hier war die Einführung der Anschnallpflicht 1976 von kontroversen Debatten und zahlreichen Vorbehalten begleitet. In der DDR verlief die Entwicklung anders. Dort wurde die Anschnallpflicht 1980 eingeführt und vor allem als Maßnahme der Verkehrssicherheit vermittelt.
Kommen Sie mit auf eine kleine Zeitreise ins Jahr 1976 in die damalige Bundesrepublik: Im Auto wird noch geraucht, auf der Rückbank sitzen die Kinder zwischen Decken, Taschen und Proviant – und wer sich vor der Fahrt anschnallt, gilt schnell als besonders vorsichtig. Oder anders formuliert: als kleinlich. Anfang der Siebziger standen Gurtträgerinnen und Gurtträger im Ruf, ängstlich und spießbürgerlich zu sein und ihre Umgebung mit missionarischem Eifer zu nerven. Manche legten den Gurt schon deshalb nicht an, um sich keine Sprüche anhören zu müssen.
Die Vorbehalte waren erstaunlich kreativ. Männer fürchteten um ihre Freiheit, Frauen um ihren Busen, manche Autofahrende fragten sich ernsthaft, ob sie nach einem Unfall überhaupt noch aus dem Wagen herauskämen. Andere fanden: Auf kurzen Strecken lohnt sich das Anschnallen nicht. Und auf der Rückbank? Erst recht unnötig. So wurde der Sicherheitsgurt in der Bundesrepublik zu einem großen Streitthema.
Um den Gurt populärer zu machen, ließ man sich einiges einfallen. Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) produzierte sogar eine bunte TV-Unterhaltungsshow im Circus Krone: „Mit Gurt und ohne Fahne“. Der Titel sollte gleich zwei Botschaften populärer machen: anschnallen und nicht alkoholisiert fahren. Frank Elstner moderierte die Show, damals noch am Anfang seiner Fernsehkarriere.
50 Jahre Anschnallpflicht: erst Aufregung, dann Routine
Heute schmunzeln wir über diese Aufregung. Denn inzwischen ist Anschnallen Routine: Ein Griff über die Schulter, ein kurzer Zug, ein Klick – und die Fahrt beginnt. Niemand diskutiert am Küchentisch darüber oder fühlt sich in der persönlichen Freiheit bedroht. Genau darin liegt die Erfolgsgeschichte der Anschnallpflicht: Was einst heftig umstritten war, ist heute selbstverständlich.
In der DDR wurden bereits ab Anfang der 1970er Jahre Neuwagen der Marken Trabant und Wartburg mit serienmäßig verbauten Gurten ausgestattet. Die Gurtpflicht folgte 1980. In der Bundesrepublik gilt die Gurtpflicht auf den Vordersitzen von Pkw seit nun 50 Jahren. Laut Kirstin Zeidler, Leiterin der Unfallforschung der Versicherer (UDV) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schnallten sich anfangs höchstens 60 Prozent der Autofahrenden an. Erst mit Einführung eines Verwarngeldes Mitte der Achtzigerjahre stieg die Gurtanlegequote auf den Vordersitzen auf über 90 Prozent. Der Erfolg zeigte sich schnell in der Unfallstatistik: Seit es nicht mehr folgenlos blieb, sich nicht anzuschnallen, sank die Zahl der Verkehrstoten innerhalb eines Jahres um fast 1.500, die Zahl der Schwerverletzten um rund 15.000.

Wie der Dreipunktgurt funktioniert
Gurte gab es schon lange vor der Anschnallpflicht, zunächst etwa in Flugzeugen und später vereinzelt als einfache Beckengurte in Autos. Der entscheidende Durchbruch kam Ende der Fünfzigerjahre: Der schwedische Ingenieur Nils Bohlin entwickelte für Volvo den Dreipunktgurt, den der Hersteller 1959 erstmals serienmäßig einsetzte. Volvo ließ die Erfindung zwar patentieren, gab das Patent aber für andere Hersteller frei. So konnten auch andere Marken den Dreipunktgurt in ihren Fahrzeugen einsetzen. Bohlings Grundgedanke ist bis heute derselbe: Der Gurt führt über Schulter, Brust und Becken und verteilt die Kräfte eines Aufpralls auf möglichst stabile Körperregionen.
Warum das so wichtig ist, zeigt sich im Moment eines Unfalls. Maraike Tonzel, Expertin für Verkehrssicherheit bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der BG Verkehr, erklärt: „Ohne Gurt bewegt sich der Körper bei einer abrupten Bremsung weiter – nach vorn, zur Seite oder sogar aus dem Fahrzeug heraus. Der Sicherheitsgurt hält Insassinnen und Insassen in der vorgesehenen Sitzposition, verteilt die auftretenden Kräfte und verhindert, dass sie unkontrolliert gegen Lenkrad, Armaturenbrett, Windschutzscheibe oder andere Menschen im Fahrzeug geschleudert werden.“ Auch bei niedrigen Geschwindigkeiten können diese Kräfte ausreichen, um schwere Verletzungen zu verursachen.
Warum der Sicherheitsgurt auch bei niedrigen Geschwindigkeiten schützt
Wie sich das anfühlt, lässt sich in einem Gurtschlitten erleben. Das ist ein Simulator, den Verkehrswachten, Polizei oder Automobilclubs zum Beispiel bei Verkehrssicherheitstagen oder Aktionen einsetzen. Teilnehmende sitzen angeschnallt auf einem Autositz und werden bei etwa 10 km/h abrupt abgebremst. Das klingt langsam, fühlt sich aber ganz anders an: Viele schätzen das Tempo deutlich höher ein, weil der Ruck überraschend kräftig ist.
Auch Überschlagsimulatoren kommen dort häufig zum Einsatz. Sie zeigen, wie der Gurt den Körper hält, wenn ein Fahrzeug nach einem Überschlag auf dem Dach liegt. Beide Simulatoren machen dasselbe deutlich: Alles, was im Auto ungesichert ist, kann zur Gefahr werden. Wer schon einmal erlebt hat, wie eine lose Wasserflasche oder Einkaufstasche bei einer Vollbremsung nach vorne fliegt, ahnt, was das bedeutet – für Gegenstände genauso wie für Menschen ohne Gurt.

„Der Sicherheitsgurt ist nach Erkenntnissen der Unfallforschung nach wie vor der Lebensretter Nummer eins“, betont Maraike Tonzel. Selbst Airbags können ihn nicht ersetzen. Im Gegenteil: Airbag und Sicherheitsgurt bilden ein aufeinander abgestimmtes Sicherheitssystem. Der Gurt hält den Körper in der richtigen Position und verteilt die Kräfte, während der Airbag Aufprallkräfte abfängt und abschwächt. Wer auf den Gurt verzichtet, schwächt dieses Gesamtsystem und kann sich zusätzlich gefährden, etwa wenn ein auslösender Airbag nicht angegurtete Fahrende verletzt. Die wichtigste Botschaft ist deshalb: Anschnallen rettet Leben – auf jedem Sitzplatz, auf jeder Strecke und auch bei niedrigen Geschwindigkeiten.
Maraike Tonzel, Expertin für Verkehrssicherheit bei der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) und der BG Verkehr
Heute legen in Deutschland fast alle Menschen im Pkw den Sicherheitsgurt an, die Quote liegt bei rund 98 Prozent. Dass er in fast allen Fahrzeugen selbstverständlich genutzt wird, ist ein großer Fortschritt. Trotzdem gibt es Situationen, in denen alte Fehlannahmen weiterleben: „Ist ja nur kurz.“, „Ich sitze hinten.“, „Ich fahre doch langsam.“ Viele dieser Entscheidungen passieren nicht aus Überzeugung, sondern aus Routine oder Bequemlichkeit. Heiner Sothmann von der Deutschen Verkehrswacht beschreibt es so: „Wenn man nur kurz unterwegs ist und es auch noch eilig hat, sagt man sich vielleicht: ‚Wird schon nichts passieren, ich fahr auch nicht schnell.‘“ Manche hielten den Sicherheitsgurt außerdem für „uncool“ oder glaubten, auf der Rückbank gut geschützt zu sein.
Doch nicht nur ob, sondern auch wie der Gurt angelegt wird, ist entscheidend. Sothmann beobachtet im Alltag vor allem drei typische Fehler: eine falsche Sitzposition, einen falsch angelegten Gurt und viel zu dicke Jacken zwischen Körper und Gurt. Dadurch kann sogenannte „Gurtlose“ entstehen, also zu viel Abstand zwischen Körper und Sicherheitsgurt. Im Ernstfall besteht die Gefahr, dass die Rückhaltewirkung dann erst zu spät einsetzt. Insbesondere Kinder in Kindersitzen sollten daher keine dicken Jacken während der Fahrt tragen.
So schnallen Sie sich richtig an
Aufrecht sitzen: Sitzposition, Abstand zum Lenkrad und Kopfstütze vor der Fahrt prüfen.
Gurt eng anlegen: Nach dem Einrasten noch einmal straffziehen.
Schultergurt richtig führen: diagonal über Brust und Schulter, nicht am Hals und nicht unter der Achsel.
Beckengurt tief führen: über das Becken, nicht über den Bauch.
Keine dicke Jacke: Wintermäntel und voluminöse Jacken vor der Fahrt ausziehen.
Gurt entwirren: Verdrehte Gurte vor der Fahrt glattziehen.
Nur eine Person pro Gurt: Niemals zwei Menschen gemeinsam anschnallen.
Das gilt vor allem dort, wo das Risiko oft unterschätzt wird: auf der Rückbank. Wer hinten unangeschnallt sitzt, gefährdet nicht nur sich selbst. Bei einem schweren Aufprall können ungesicherte Mitfahrende auch andere Insassinnen und Insassen gefährden. Anschnallen ist deshalb nicht nur Selbstschutz, sondern auch Rücksichtnahme gegenüber den Menschen, die mit im Fahrzeug sitzen.

Besonders wichtig ist das bei Kindern. Sie müssen im Auto passend zu Alter, Größe und Gewicht gesichert werden. Gerade hier endet die Verantwortung nicht mit dem Losfahren. Laut Kirstin Zeidler sind Kinder unter 12 Jahren häufig deshalb ungesichert, weil sie sich während der Fahrt selbst abgeschnallt haben – oft unbemerkt, während Erwachsene die Augen auf der Straße haben. Begleitpersonen sollten deshalb nicht nur vor Fahrtbeginn prüfen, ob Kinder richtig gesichert sind, sondern auch während der Fahrt aufmerksam bleiben.
Kinder, Oldtimer, Busse und Wohnmobile: Was gilt?
Kinder im Pkw: Kinder bis zum vollendeten 12. Lebensjahr, die kleiner als 1,50 Meter sind, brauchen eine passende, zugelassene Rückhalteeinrichtung, also zum Beispiel einen Kindersitz oder eine Sitzerhöhung.
Kindersitz prüfen: Neu verkauft werden nur noch Kindersitze nach der Norm UN ECE Reg. 129, bekannt als i-Size. Ältere Sitze mit UN ECE Reg. 44/03 oder 44/04 dürfen laut ADAC Stiftung weiterhin genutzt werden, wenn sie zugelassen und für das Kind geeignet sind.
Oldtimer: Bei älteren Fahrzeugen kann Bestandsschutz gelten. Wenn für das Fahrzeug ursprünglich keine Sicherheitsgurte vorgeschrieben waren, müssen sie laut ADAC nicht nachgerüstet werden. Sicherer ist eine fachgerecht geprüfte Nachrüstung trotzdem.
Kinder im Oldtimer: Kinder unter drei Jahren dürfen in Fahrzeugen ohne Gurte nicht mitfahren. Kinder ab drei Jahren, die kleiner als 1,50 Meter sind, dürfen in solchen Fahrzeugen nur auf Rücksitzen mitgenommen werden. Sind Gurte vorhanden, müssen passende Kindersitze genutzt werden.
Bus: Sind Sicherheitsgurte im Bus vorhanden, müssen sie genutzt werden. In großen Omnibussen über 3,5 Tonnen gibt es keine allgemeine Kindersitzpflicht; Kinder sollten dort aber den vorhandenen Beckengurt nutzen.
Wohnmobil: Kindersitze gehören im Wohnmobil auf geeignete, zugelassene Sitzplätze. Vor allem vorwärtsgerichtete Sitzplätze mit passenden Gurtsystemen werden von Expertinnen und Experten empfohlen. Vor der Fahrt prüfen: Ist der Platz während der Fahrt zugelassen, ist ein geeigneter Gurt vorhanden und passt der Kindersitz zum Fahrzeug?
Rollstuhlsicherung im Linienbus: Rollstuhlnutzende sollten den ausgewiesenen Rollstuhlplatz nutzen. Der Rollstuhl wird dort entgegen der Fahrtrichtung mit dem Rücken zur gepolsterten Rückenlehne positioniert und die Feststellbremse angezogen. Der Beckengurt sollte natürlich eng und straff anliegen. Ist der Bus mit Rückhaltesystemen ausgestattet, müssen diese während der Fahrt genutzt werden.
Kinderwagen im Linienbus: Bereiche für Rollstuhl- und Kinderwagen nutzen. Am sichersten steht der Kinderwagen, wenn das Baby/Kleinkind mit den Füßen in Fahrtrichtung des Busses liegt. So stößt der Kopf bei einer Bremsung nirgends an. Einen Buggy sollte man dagegen genau andersherum platzieren, ähnlich wie einen Rollstuhl. Der Kopf wird bei einer Bremsung dann in die Schale des Buggys gedrückt. Auch im Kinderwagen sollte man unbedingt die Feststellbremse einlegen. Hat der Kinderwagen Gurte, sollte man diese ebenfalls nutzen, um das Kind zu sichern. Begleitpersonen sollten den Kinderwagen mit Kind festhalten, sich niemals vom Kinderwagen entfernen und sich selbst einen sicheren Halt im Bus suchen.
Vieles aus den Siebzigerjahren ist verschwunden: der Zigarettenrauch in den Polstern, das Kassettenradio, der Straßenatlas auf dem Schoß. Der Sicherheitsgurt ist geblieben. Er ist heute einer der alltäglichsten Gegenstände im Auto und zugleich einer der wichtigsten, weil er alle schützt – auf jedem Sitzplatz und auf jeder Strecke.

Unfallkassen / Berufsgenossenschaften
Viele Verkehrsteilnehmende sind beruflich unterwegs. Auf dem Weg zur Arbeit, zur Kindertagesstätte, zur Schule oder zur Hochschule sind sie durch die gesetzliche Unfallversicherung abgesichert. Als Träger der gesetzlichen Unfallversicherung setzen sich Berufsgenossenschaften, Unfallkassen und ihr Spitzenverband Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) für die Vision Zero ein. Wegen der oft schweren Unfallfolgen hat die Prävention im Straßenverkehr eine hohe Bedeutung. Alle Verkehrsteilnehmenden können durch eigenes Verhalten helfen, zahlreiche Unfälle zu vermeiden. Deshalb ist #mehrAchtung richtig und wichtig!

Deutsche Verkehrswacht
Wir, die Deutsche Verkehrswacht, arbeiten seit 100 Jahren gemeinnützig und ehrenamtlich für mehr Sicherheit im Straßenverkehr. Im Mittelpunkt steht dabei immer der mobile Mensch, den wir beraten und schulen, egal welchen Alters oder welcher Fortbewegungsart. Wir wissen, dass vorsichtiges Handeln und rücksichtsvolles Miteinander uns alle sicher unterwegs sein lassen und ein gutes Verkehrsklima schaffen. Darum #mehrAchtung!
Bilder: DVR, Deutsche Verkehrswacht, BG Verkehr, Shutterstock


