Sicher unterwegs trotz Höreinschränkung

Schwerhörigkeit im Straßenverkehr: ein Selbsttest

Wenn die Augen die Ohren ersetzen müssen: Unser Redakteur testet im Selbstversuch, wie gefährlich der Straßenverkehr für Menschen mit Höreinschränkung sein kann – und welche einfachen Tipps allen mehr Sicherheit geben.

14.01.2026
4 min Lesedauer
Ein Mann mit Gehörschutz steht auf einer Verkehrsinsel zwischen zwei Zebrastreifen einer befahrenen Straße in einer Stadt und blickt über seine Schulter. Im Hintergrund sind Häuser und am Straßenrand parkende Autos zu sehen.

Ein Kleinwagen nähert sich dem Zebrastreifen. Die Fahrerin blickt mich an, ich blicke zurück. Bremst sie? Fährt sie weiter? Zwei, drei Sekunden vergehen – eine gefühlte Ewigkeit. Erst als ich sicher bin, dass das Auto stehen bleibt, setze ich meinen Fuß auf die Straße. Eine alltägliche Situation, die plötzlich nervenaufreibend ist. Der Grund: Ich trage Gehörschutz, der mein Hörvermögen um etwa 35 Dezibel (dB) dämpft – und simuliere damit die Realität von über 13 Millionen Menschen in Deutschland, die mit einer Höreinschränkung leben.

Von Schwerhörigkeit bis Taubheit: Diese Stufen von Höreinschränkungen gibt es.

  • Leichte Schwerhörigkeit: bis 35 dB

  • Mittelgradige Schwerhörigkeit: 40–65 dB

  • Hochgradige Schwerhörigkeit: 70–85 dB

  • An Taubheit grenzend: ab 90 dB

Wenn das Gehör fehlt, muss das Auge Überstunden machen

An einem sonnigen Herbstnachmittag starte ich mein Selbstexperiment am Spandauer Damm in Berlin-Charlottenburg, einer der Hauptverkehrsadern im Westen der Hauptstadt. Mich begleiten Gudrun Brendel, Vizepräsidentin des Deutschen Schwerhörigenbund (DSB) e.V., und Torsten Seifert, Leiter der Bundesgeschäftsstelle.

„Solche Selbstexperimente sind wichtig“, sagt Brendel, während wir uns auf den Weg machen. „Nur so können Menschen erfahren, wie es wirklich ist, mit einer Höreinschränkung im Straßenverkehr unterwegs zu sein – und wie anstrengend der Alltag für uns sein kann.“

Die Herausforderung beginnt schon an der Haustür

Torsten Seifert, Deutscher Schwerhörigenbund e.V.

Und anstrengend wird es sofort. Das Grundrauschen der Hauptverkehrsstraße, beschleunigende Autos, eine Radfahrerin, die ihre Klingel benutzt, das Martinshorn eines Rettungswagens in der Ferne – mit der simulierten Hörbeeinträchtigung nehme ich das alles kaum noch wahr. Obwohl der Gehörschutz nur eine leichte Schwerhörigkeit simuliert: Die Geräusche helfen mir nicht mehr, mich im Straßenverkehr zu orientieren.

Nahaufnahme der Hände einer Person, die einen schwarz-roten Kapselgehörschutz halten. Im unscharfen Hintergrund steht eine weitere Person in Jeans und brauner Jacke.
Der Kapselgehörschutz dämpft das Hörvermögen um circa 30 dB – das entspricht einer leichten Schwerhörigkeit.

Torsten Seifert lebt mit einer Höreinschränkung und erlebt täglich Schwierigkeiten im Verkehrsalltag: „Die Herausforderung beginnt schon an der Haustür. Kommt jemand entlanggelaufen? Sind Fahrradfahrende auf dem Fußweg? Kann ich die Straße sicher überqueren?“

Auch mein Verhalten ändert sich unmittelbar. An Orten, an denen ich normalerweise arglos vorbeigehe, nähere ich mich jetzt vorsichtiger. An Ein- und Ausfahrten bleibe ich kurz stehen und gehe erst weiter, wenn ich sicher bin, dass sich kein Fahrzeug nähert. „Genau das machen wir automatisch“, bestätigt Gudrun Brendel.

Um dem Gespräch mit Gudrun Brendel und Torsten Seifert folgen zu können, muss ich von ihren Lippen ablesen – und dafür immer wieder den Blick von der Straße abwenden. „Das ist eine der großen Gefahren“, sagt Gudrun Brendel. „Um mich unterhalten zu können, muss ich mein Gegenüber ansehen. Aber gerade im Straßenverkehr ist das gefährlich.

Deshalb können wir oft nicht gleichzeitig sicher gehen und uns unterhalten.“ An einer Fußgängerampel pausiert unser Gespräch deshalb komplett. Ich brauche meine volle Konzentration, um die Situation einschätzen zu können.

Seitenansicht eines Mannes mit Gehörschutz und einer Frau, die neben einer befahrenen Straße gehen. Im Gegenlicht der Sonne sind Gebäude und Autos im Stadtverkehr zu erkennen.
Lippenlesen hilft Menschen mit Höreinschränkung, einander besser zu verstehen – im Straßenverkehr sind Gespräche deshalb oft herausfordernd.

So bewegen sich Menschen mit Höreinschränkung sicher im Straßenverkehr

„Wir müssen viel weiter vorausschauen, uns öfter umsehen. Das kostet enorm viel Aufmerksamkeit“, sagt Gudrun Brendel. Was für hörende Menschen selbstverständlich ist, erfordert von Menschen mit Schwerhörigkeit Konzentration. Um sicher unterwegs zu sein, müssen Menschen mit Höreinschränkung zudem stärker Kontakt zu anderen Verkehrsteilnehmenden aufbauen.

Eine Person mit Gehörschutz wartet an einer belebten Straßenkreuzung. Auf der Straße herrscht viel Verkehr mit Autos, einem Lastwagen sowie einem Radfahrer und einer Person auf einem E-Scooter.
Menschen mit Höreinschränkungen müssen sich stärker auf ihr Sehvermögen stützen und Kontakt zu anderen Verkehrsteilnehmenden suchen.

„Es ist sehr wichtig, Blickkontakt mit anderen aufzubauen, und manchmal hilft auch ein kleines Kopfnicken“, sagt Torsten Seifert. „Man muss mit dem Fahrradfahrenden oder Autofahrenden kommunizieren, um zu zeigen, dass man sich gegenseitig wahrgenommen hat.“

Die Verantwortung sieht Torsten Seifert deshalb auch bei den Hörbeeinträchtigten selbst: „Man muss sich bewusst sein, vorausschauend zu handeln – und wissen, dass man eben nicht immer alles rechtzeitig hören kann.“

Seitenansicht eines gehenden Mannes mit Gehörschutz in dunkler Kleidung auf einem Fußgängerüberweg einer mehrspurigen Straße. Die Sonne scheint, am Straßenrand stehen Bäume mit Herbstlaub und moderne Gebäude.
Höreinschränkungen sind für andere oft nicht erkennbar – umso wichtiger ist gegenseitige Rücksichtnahme.

Auf einem kombinierten Geh- und Radweg wird klar, wie sehr ich mich unbewusst auf mein Gehör verlasse. Um eine Kollision zu vermeiden, muss ich meinen Kopf permanent drehen, den „toten Winkel“ über meine Schulter immer wieder kontrollieren. Routine für Menschen mit Höreinschränkung.

Doch obwohl Menschen mit Höreinschränkung vorsichtiger unterwegs sind, kann es zu gefährlichen Situationen kommen, berichtet Gudrun Brendel aus ihrem Alltag: „Ein Radfahrer kam von hinten, ich bin ihm in den Weg gelaufen. Er hat sich aufgeregt: ‚Ich habe doch geklingelt!' Ich konnte nur sagen: ‚Tut mir leid, ich habe es leider nicht gehört.'“

Wenn Gudrun Brendels Haare über den Ohren liegen, sieht man ihre Hörgeräte nicht. „Vielen Menschen sieht man ihre Höreinschränkung nicht an“, sagt sie. „Deshalb gehen andere oft davon aus, dass sie gehört werden – durch Klingeln, Rufen oder Motorgeräusche.“ Leider fehlt vielen im Straßenverkehr ein Bewusstsein dafür, dass sie nicht unbedingt von allen anderen Verkehrsteilnehmenden gehört werden können, sagt Gudrun Brendel.

„Das gilt besonders für Elektrofahrzeuge“, sagt Torsten Seifert. „Durch die leisen E-Autos fehlt oft die gewohnte Geräuschkulisse, die sonst dabei hilft, sich zu orientieren.“ Das birgt ein hohes Risiko, wie Seifert weiß: „Man nimmt die E-Fahrzeuge wirklich erst sehr spät wahr – oft erst, wenn sie mehr oder weniger schon da sind.“ Um diese Gefahr zu mindern, muss seit Juli 2021 jedes neu zugelassene E-Auto über ein künstliches Warnsystem (AVAS) verfügen. Dieses erzeugt bei Geschwindigkeiten unter 20 Kilometern pro Stunde ein künstliches Geräusch zwischen 56 und 75 Dezibel, das beim Anfahren lauter wird. „Doch eine hundertprozentige Sicherheit bietet das nicht, denn auch diese Warntöne können im Stadtverkehr untergehen“, sagt Gudrun Brendel.

Hinzu kommt, dass sich das Warnsystem bei Fahrzeugen, die vor Juli 2021 zugelassen wurden, oft per Knopfdruck deaktivieren lässt. Zudem gibt es ältere E-Fahrzeuge ohne AVAS-System. Dieses lässt sich jedoch meist nachrüsten. Um gefährliche Situationen zu vermeiden, empfiehlt Gudrun Brendel deshalb E-Auto-Fahrenden, besonders darauf zu achten, dass andere Verkehrsteilnehmende sie wahrnehmen können.

So können andere Verkehrsteilnehmende Menschen mit Höreinschränkung im Straßenverkehr helfen

  • Blickkontakt suchen und halten

  • Eindeutige Handzeichen geben (z.B. Vorfahrt gewähren)

  • Geduld und Verständnis zeigen

  • Nicht davon ausgehen, von anderen gehört zu werden – insbesondere bei Fahrrädern und E-Fahrzeugen

  • Bei älteren E-Fahrzeugmodellen darauf achten, dass das AVAS-System eingeschaltet ist bzw. das System freiwillig nachrüsten

Ein anderer Blick auf den Verkehr

Nach zwei Stunden Experiment bin ich erschöpft – nicht körperlich, aber mental. Mit einer Höreinschränkung durch den Alltag zu gehen, kostet viel mehr Aufmerksamkeit und Energie. Was bleibt, ist ein gewachsenes Verständnis dafür, welche Leistung Menschen mit Höreinschränkung täglich erbringen – und wie selbstverständlich Hörende sich auf ihr Gehör verlassen. Gerade weil dieser Kontrast so groß ist, wird klar: Damit alle sicher am Verkehr teilhaben können, müssen Hörende die Bedürfnisse von Schwerhörigen und Menschen mit Hörverlust verstehen und Rücksicht nehmen.

Porträt einer blonden Frau im beigen Mantel und eines Mannes mit grauem Bart und brauner Jacke. Beide lächeln freundlich vor einer unscharfen urbanen Kulisse mit Bäumen und Häusern.
Den Selbsttest begleiteten Gudrun Brendel, Vizepräsidentin vom Deutschen Schwerhörigenbund e.V., und Torsten Seifert, Leiter der Bundesgeschäftsstelle.

Deutscher Schwerhörigenbund (DSB)

Deutscher Schwerhörigenbund e.V. (DSB)

Der Deutsche Schwerhörigenbund (DSB) vertritt die Interessen der schwerhörigen und ertaubten Menschen in Deutschland – auch im Straßenverkehr. Damit alle Menschen sicher an ihr Ziel kommen, unterstützt der DSB die Initiative #mehrAchtung.

Bilder: Moritz Högemann

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