Blinde Menschen fahren Auto
Teilhabe für Menschen mit Sehbehinderung
Wir begleiten den blinden Creator Yusuf Alp Ay beim Aktionstag „Blinde und hochgradig Sehbehinderte fahren Auto“. Gemeinsam mit engagierten Fahrlehrerinnen und Fahrlehrern erleben 150 Menschen mit Sehbehinderung wie es ist, ein Auto zu fahren.

Yusuf setzt sich auf den Fahrersitz und legt die Hände ans Steuer. Neben ihm sitzt Fahrlehrer Dennis und erklärt, wie das Anfahren, Beschleunigen und Bremsen funktioniert. Doch für den Fahrlehrer ist das keine gewöhnliche Fahrstunde: Der junge Mann am Steuer ist fast vollständig blind.
„Ich war schon als Kind autoaffin“, erzählt Yusuf Alp Ay, der auf Social Media als derblindevomblock bekannt ist. „Dann kam die Diagnose, und ich wusste, dass ich nie einen Führerschein machen können würde.“ Um ihm und 149 anderen blinden und sehbehinderten Menschen das Fahrerlebnis zumindest für einen Tag zu ermöglichen, haben vor rund 30 Jahren ehrenamtlich engagierte Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer gemeinsam mit dem Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenverein Berlin (ABSV) den Aktionstag „Blinde und hochgradig Sehbehinderte fahren Auto“ ins Leben gerufen. „Ziel ist, den Nichtsehenden Autofahren in einem geschützten Raum zu ermöglichen“, sagt der Vorsitzende des Fahrlehrer-Verband Berlin e. V., Stephan Ackerschewski, der den Aktionstag mitorganisiert. Beim Aktionstag geht es neben dem Fahrerlebnis vor allem darum, dass die teilnehmenden sehbehinderten Menschen und die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer sich in die Lage des anderen hineinversetzen, ihre Erfahrungen im Straßenverkehr miteinander teilen und voneinander lernen können.
Nach der kurzen Einweisung geht es direkt los. Zuerst greift Fahrlehrer Dennis noch öfter korrigierend ein, doch die Kommunikation zwischen den beiden wird schnell flüssiger, das Vertrauen wächst mit jedem Meter. Yusuf beschleunigt, bremst ab und spürt, wie das Heck des Wagens leicht ausbricht. Für alle Beteiligten wird dabei deutlich, wie viel Aufmerksamkeit, Vertrauen und gegenseitige Rücksicht sicheres Fahren im Straßenverkehr erfordert.

„Man verliert das Gefühl für Geschwindigkeit“
Die Erfahrung von Yusuf und den anderen blinden und sehbehinderten Teilnehmenden wird auch für die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer greifbar. Mit verbundenen Augen setzen sie sich selbst ans Steuer, um nachzuempfinden, wie Yusuf und die anderen blinden und sehbehinderten Teilnehmenden die Fahrt erleben. „Ein bauchkribbelndes Gefühl“, beschreibt Stephan Ackerschewski diese Erfahrung. „Man verliert das Gefühl für Geschwindigkeit, sieht keine Abstände und kann nicht auf den Tacho schauen. Alles fällt weg.“
Während die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer mit Augenbinde nur zögerlich fahren, entwickeln die Teilnehmenden mit Sehbehinderung schnell Vertrauen in ihre Beifahrerinnen und Beifahrer. „Jetzt weiß ich, wie viel Vertrauen die blinden und sehbehinderten Menschen in uns haben“, sagt Stephan Ackerschewski.
Yusuf erhöht die Geschwindigkeit. Plötzlich ruft Fahrlehrer Dennis: „Brems!“ Yusuf, noch im Rhythmus der vorherigen Bremsübungen, tritt beinahe voll in die Eisen. Ich dachte, ich soll eine Vollbremsung machen – bei 130 km/h“, sagt er und lacht. Vom Fahrerlebnis ist er begeistert: „Ich habe so eine Freiheit noch nie erlebt“.

Dieses gegenseitige Vertrauen macht den Aktionstag erst möglich. Auf dem abgesperrten Testgelände herrscht ein klares Miteinander. Die Regeln sind einfach, die Kommunikation ist direkt. Im alltäglichen Straßenverkehr sieht die Situation für Yusuf und andere Menschen mit Sehbehinderung jedoch anders aus. Fehlende Rücksicht gehört im Verkehrsalltag zu den größten Herausforderungen, sagt Yusuf. Unachtsame Verkehrsteilnehmende, unnötiger Lärm oder falsch geparkte E-Scooter können schnell gefährlich werden.
Wenn ein E-Scooter zur Gefahr wird
„Falsch abgestellte E-Scooter sind heimtückisch“, sagt Yusuf. Mehrfach ist er schon über die Elektroroller gestolpert. Einmal blieb er mit dem Fuß hängen und zog sich eine Platzwunde zu. Eine weitere Herausforderung sind die leisen E-Fahrzeuge, sagt er.

Zwar müssen sie künstliche Geräusche erzeugen, doch diese gehen im Stadtlärm oft unter. „Wenn ein alter Pkw vorbeifährt, ist es für mich kaum möglich, ein E-Auto daneben zu hören“, berichtet Yusuf.
Auch Radfahrende, die unerlaubt Gehwege nutzen oder rote Ampeln überfahren, bringen ihn immer wieder in brenzlige Situationen. Hinzu kommt Lärm durch Klingeln, Hupen oder aufheulende Motoren. „Blinde Menschen müssen sich durch diese Geräusche oft völlig neu orientieren und sich fragen: War ich gemeint?’“, sagt Fahrlehrer Ackerschewski.
„Ich wünsche mir, dass alle achtsamer sind"
Um Menschen mit Sehbehinderung den Verkehrsalltag zu erleichtern, reicht es laut Yusuf Alp Ay meist schon, sich an die geltenden Verkehrsregeln zu halten und rücksichtsvoll unterwegs zu sein.
Autofahrende sollten vorausschauend an Menschen vorbeifahren und die Hupe nur im Notfall betätigen.
Radfahrende dürfen Gehwege nur befahren, wenn es explizit erlaubt ist, und sollten dabei besonders vorausschauend sein.
E-Scooter-Nutzende dürfen die Roller ausschließlich auf ausgewiesenen Flächen abstellen – niemals auf Gehwegen oder Blindenleitstreifen.
Ein Tag, der nachwirkt
Der Aktionstag hinterlässt bei allen Teilnehmenden einen bleibenden Eindruck. „Die Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer erleben hautnah, welchen Herausforderungen Menschen mit Sehbehinderung täglich begegnen und wie einfach es sein kann, zu helfen“ sagt Stephan Ackerschewski.
Das wirke nachhaltig, betont der Vorsitzende des Fahrlehrer-Verbands Berlin: „Wir Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer sind Multiplikatoren. Wir geben unser Wissen an die Schülerinnen und Schüler weiter und sensibilisieren sie für mehr gegenseitige Achtung.“ Sein Fazit: „Dieser Tag ist eine Bereicherung für beide Seiten.“Das bestätigt auch Fahrlehrer Dennis, der Yusuf bei seiner Fahrt begleitete: „Mir macht es einfach Spaß und ich gebe gerne etwas zurück.“
Yusuf Alp Ay beschreibt seine Erfahrung mit einer Mischung aus Freude und Wehmut: „Es war so gut, dass ich mir dachte: Mist, warum hast du das gemacht? Man sagt doch, man kann nichts vermissen, was man nicht kennt.“Trotzdem ist seine Empfehlung eindeutig: „Das sollte jeder mal probiert haben.“ An alle anderen Verkehrsteilnehmenden richtet er einen klaren Appell: „Ich wünsche mir, dass alle achtsamer sind. Lieber zwei Minuten später ankommen, aber dafür niemanden gefährden.“
Mehr Eindrücke vom Aktionstag gibt es bei Facebook und Instagram:

Fahren mit Sehbehinderung: das sollten Sie wissen
Wie viel Sehkraft braucht man für den Pkw-Führerschein (mit oder ohne Brille)?
Um einen Pkw, Motorroller oder Motorrad führen zu dürfen, ist eine Tagessehschärfe mit oder ohne Sehhilfen von mindestens 70 Prozent auf beiden Augen erforderlich.
Darf man mit weniger als 70 Prozent Sehkraft noch fahren?
Unter Umständen ja. Grundsätzlich gilt: Fehlsichtigkeiten müssen, soweit möglich und verträglich, korrigiert werden. Eine augenärztliche Untersuchung muss dabei ergeben, dass die Sehschärfe auf dem besseren Auge oder beidäugig mindestens 50 Prozent (Visus 0,5) beträgt und weitere Mindestanforderungen - z.B. an das Gesichtsfeld - erfüllt sind. Es ist immer eine Einzelfallentscheidung.
Was gilt bei fortschreitenden Augenkrankheiten?
Wer eine Augenkrankheit hat, die das Sehvermögen über die Zeit verschlechtern kann, ist verpflichtet, die Fahrtauglichkeit regelmäßig beim Augenarzt überprüfen zu lassen.
Wie können Fahrerassistenzsysteme Menschen mit Sehbehinderung im Straßenverkehr unterstützen?
Die aktuell in Deutschland zugelassenen Fahrerassistenzsysteme, wie Spurhalte- oder Notbremsassistenten, sind nicht dafür gedacht, Menschen mit Sehbehinderung das selbstständige Steuern eines Kraftfahrzeugs zu ermöglichen.
Autonomes Fahren könnte in Zukunft neue Möglichkeiten für Menschen mit Blindheit oder Sehbehinderung eröffnen. Seit 2021 ist vollautomatisiertes Fahren (Level 4) in definierten Bereichen zulässig. In diesem Fall müssen Passagiere keine Fahraufgaben übernehmen, d. h. auch blinde und sehbehinderte Menschen können hier als Passagiere mitfahren. In Zukunft könnten autonome Fahrzeuge auf unseren Straßen unterwegs sein, Passagiere und Güter befördern und zu unserem Alltag gehören.
Bilder: mehrAchtung, Fahrlehrer-Verband Berlin e. V.


