Sicher unterwegs

Wie Fahr-Fitness-Checks mobil halten

Helga Jessen ist 89 und fährt noch Auto. Beim ADAC Fahr-Fitness-Check beweist sie: Alter ist kein Grund, aufzuhören. Wie der freiwillige Check älteren Menschen dabei hilft, sicher und selbstständig mobil zu bleiben.

01.12.2025
4 min Lesedauer
Innenansicht eines Autos in Parkposition: Eine ältere Frau sitzt am Steuer und schaut zum Beifahrer. Der Beifahrer schaut konzentriert nach vorn auf die Straße. Beide tragen einen Sicherheitsgurt.

Der Regen prasselt auf die Windschutzscheibe, als Helga Jessen mit ihrem Auto vorsichtig aus der schmalen Garagenausfahrt rangiert. Der Stellplatz ist nur etwa drei Meter breit, rechts befindet sich Frau Jessens Wohnhaus und links eine Backsteinmauer. Die 89-Jährige dreht den Kopf erst nach links, dann nach rechts, prüft jeden Winkel, bevor sie langsam und bedächtig rückwärts auf die Straße rollt. Neben der Einfahrt nickt Jens-Peter Pfeiffer zufrieden. Der ADAC-Fahrtrainer begleitet die Seniorin heute bei ihrem Fahr-Fitness-Check – bereits zum vierten Mal.

„Eigentlich wollte ich heute nicht bei Regen fahren“, sagt Helga Jessen nach wenigen Minuten im Auto und lächelt. „Aber man muss sich auch schwierigen Situationen stellen.“ So geht es los in ihrem schwarzem VW-Golf, durch die Gemeinde Heikendorf, ein Stück nördlich von Kiel.

Was ist eine Rückmeldefahrt oder ein Fahr-Fitness-Check?

Der Fahr-Fitness-Check, oft auch Rückmeldefahrt oder Feedbackfahrt genannt, richtet sich an ältere Menschen, die ihre Fahrfertigkeiten professionell bewerten lassen möchten – freiwillig. Die Fahrerlaubnis kann ihr dabei nicht entzogen werden. Speziell qualifizierte Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer begleiten die Teilnehmenden 45 Minuten lang in ihrem eigenen Auto durch die gewohnte Umgebung.

Das Angebot umfasst ein persönliches Vorgespräch, die gemeinsame Fahrt und eine anschließende Auswertung mit individueller Beratung. Beim ADAC kostet der Check ab 75 Euro für Mitglieder, für alle anderen geht es ab 95 Euro los, je nachdem wie weit die Fahrtrainerin oder der Fahrtrainer anreisen muss. Wichtig: Auch bei schlechtem Fahrvermögen sind eine nachträgliche Meldung an Behörden oder gar ein Führerscheinentzug ausdrücklich ausgeschlossen.

Neben dem ADAC bieten auch andere Organisationen Rückmeldefahrten und Mobilitäts- und Fahr-Fitness-Checks an, zum Beispiel der TÜV NORD, die Dekra und Fahrschulen vor Ort. Interessierte können sich direkt bei Fahrschulen in ihrer Nähe oder auf den Webseiten der Anbietenden nach aktuellen Angeboten erkundigen.

Ältere Frau mit blonden Haaren öffnet den Kofferraum eines dunklen Kombis in einer Garage mit gemauerter Wand.
Gleich gehts los: Helga Jessen bereitet sich auf den Fahr-Fitness-Check vor.

Mobilität im gewohnten Umfeld erhalten

Während der Fahrt durch Heikendorf wird schnell deutlich, worum es bei solchen Rückmeldefahrten oder Feedbackfahrten geht: Teilnehmende sollen in ihrer vertrauten Umgebung mobil bleiben können. „Mobilität fängt im eigenen Umfeld an“, erklärt Jens-Peter Pfeiffer, der als Trainerleitung beim ADAC Schleswig-Holstein arbeitet. „Es geht darum, dass Menschen weiterhin zum Arzt, zum Einkaufen oder zu Freunden fahren können – aber eben sicher.“

Vor Frau Jessen und Herrn Pfeiffer fährt ein durchnässter Radfahrer durch den Regen. Die enge Straße ist auf der rechten Seite zugeparkt, die Sicht eingeschränkt. Anstatt den Radfahrer vorschnell zu überholen, bleibt Helga Jessen geduldig hinter ihm, bis sie sicher vorbeifahren kann. „Genau richtig“, kommentiert Pfeiffer anerkennend.

Auch im Regen sicher unterwegs

An einer komplizierten Kreuzung geschieht etwas Unerwartetes: Trotz des Regens lässt Helga Jessen das Fenster herunter. Pfeiffer ist zunächst irritiert. „Das mache ich zur besseren Übersicht“, erklärt die 89-Jährige selbstbewusst. „Mit heruntergelassenem Fenster höre und sehe ich nahende Radfahrer oder Fahrzeuge besser.“

Der erfahrene Fahrtrainer lacht und nickt: „Das habe ich so auch noch nicht gesehen. Macht aber Sinn.“

Warum ältere Menschen den Check machen sollten

Obwohl ältere Personen über 65 Jahre laut Statistischem Bundesamt 2024 rund 15 Prozent aller Unfallbeteiligten ausmachten, waren sie in 59,2 Prozent der Fälle die Hauptverursachenden. Ein hoher Wert im Vergleich zu den anderen Altersgruppen. Es bestehen also trotz der geringen Beteiligung altersbedingte Unfallrisiken beim Führen von Fahrzeugen. Die Sinne können nachlassen, die Reaktionszeit kann sich verlängern und auch die Konzentrationsfähigkeit kann abnehmen.

Beim Fahr-Fitness-Check können Fahrlehrerinnen und Fahrlehrer bewerten, wie es wirklich um die Fahrtüchtigkeit steht. „Wir beraten und geben auch mal deutliche Empfehlungen ab, aber nötigen niemanden zu etwas“, so Pfeiffer.

Blick aus dem Auto durch eine regennasse Windschutzscheibe: Hände am Lenkrad, im Hintergrund unscharf ein Hafen mit Schiffen unter bewölktem Himmel.
Auch bei schlechtem Wetter sicher am Steuer: Helga Jessen konzentriert sich beim Fahren im Hafenbereich.
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Perspektive vom Rücksitz eines Autos. Eine Frau fährt, neben ihr sitzt ein Mann. Auf einer Landstraße vor ihnen sind ein Auto und ein Radfahrer zu sehen.
Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmende ist das A und O für ein sicheres Miteinander. Auch darauf hat Herr Pfeiffer ein Auge.
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Ein Mann in einer grauen Jacke und eine ältere Frau sitzen sich an einem Esstisch gegenüber und führen ein Gespräch. Auf dem Tisch stehen Kaffeetassen, Teller mit Kuchen und ein Laptop im Hintergrund.
Nach der Fahrt wird es ernst: Frau Jessen und Herr Pfeiffer besprechen bei Kaffee und Kuchen die Ergebnisse der Fahrt.
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Nahaufnahme eines Formulars mit dem Titel „ADAC Fahr-Fitness-Check“ auf einem blauen Tischtuch. Die Hand eines Mannes zeigt mit einem Stift auf eine angekreuzte Checkliste auf dem Dokument.
Die Ergebnisse im Detail: Jens Pfeiffer geht mit Helga Jessen Punkt für Punkt einen Bewertungsbogen zum Fahr-Fitness-Check durch.
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Selbstreflexion statt Bevormundung

Helga Jessen hatte noch einen anderen Beweggrund für ihre Teilnahme: „Dieses mitleidige Belächeln von alten Leuten im Straßenverkehr hat mich geärgert. Ich finde, es muss eine Kontrolle geben, die uns sagt: Das kann ich noch oder eben nicht.“

Als ehemalige Kreistagsabgeordnete sieht sie auch die Verantwortung gegenüber anderen Verkehrsteilnehmenden: „So nützlich Fahrzeuge sind, sie können in den falschen Händen auch großen Schaden anrichten. Warum sollte ich das nicht überprüfen lassen?“ Diese Einstellung ist nicht selbstverständlich. Viele ihrer Bekannten würden den Check ablehnen – aus Angst vor der Konfrontation mit den eigenen Grenzen, berichtet die Seniorin.

Das Abschlussgespräch: Lob mit kleinen Abzügen

Nach der Fahrt steht das Abschlussgespräch in Helga Jessens Wohnzimmer an. Herr Pfeiffer ist begeistert von ihrer Leistung, hat aber einen Kritikpunkt: „Beim Punkt Konzentration muss ich etwas anmerken. Sie haben sich zu viel mit mir unterhalten. Das gibt Abzüge.“

Ansonsten fällt das Urteil sehr positiv aus. Besonders beeindruckt haben den Fahrtrainer Frau Jessens Vorsicht und Umsicht im Straßenverkehr sowie ihre exzellente Ortskenntnis.

Bundesweites Angebot mit kurzen Wegen

„Ich lerne jedes Mal etwas dazu und behalte es auch, weil Herr Pfeiffer das so verständlich erklärt“, sagt Helga Jessen zufrieden. Der bestandene Check bestärkt sie darin, weiterhin Auto zu fahren. „Ich sehe ja, wie um mich herum Freundinnen nicht mehr Auto fahren, weil immer die Männer gefahren sind. Sterben die Männer, dann ist die ganze Freiheit weg.“

Bundesweit gibt es über 300 speziell ausgebildete ADAC-Fahrtrainerinnen und -Fahrtrainer, die den Fahr-Fitness-Check anbieten. Das sorgt für kurze Anfahrtswege für den ADAC und hält die Kosten im Rahmen. In Schleswig-Holstein führt Jens-Peter Pfeiffer etwa 50 bis 60 Checks pro Jahr durch – Tendenz steigend.

Manchmal zeigt die gemeinsame Fahrt auf, dass bestimmte Situationen im Straßenverkehr schwieriger geworden sind. In solchen Fällen kann die Empfehlung lauten, das eigene Fahrverhalten kritisch zu reflektieren und gemeinsam zu überlegen, welche Lösungen langfristig am sichersten sind – dazu kann auch ein freiwilliger Verzicht auf den Führerschein gehören. Im Mittelpunkt steht dabei immer, die eigene Mobilität verantwortungsvoll zu gestalten und gleichzeitig die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden zu wahren.

Zufrieden mit dem Ergebnis

Helga Jessen ist glücklich, den Fahr-Fitness-Check wieder einmal bestanden zu haben. „Ich freue mich und will mich bemühen, dass ich so vernünftig und gesund lebe, dass das noch ein bisschen so bleibt“, sagt die 89-Jährige. Sie fühlt sich dadurch bestärkt, weiter in ihrer gewohnten Umgebung Auto zu fahren. Anderen, die im Alter noch sicher mobil sein wollen, empfiehlt sie: „Man sollte sich der Realität stellen – zum eigenen Schutz und zum Schutz anderer.“

Alter allein ist kein Grund, Mobilität aufzugeben. Entscheidend sind Selbstreflexion, Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, sich professionell beraten zu lassen. So bleiben Seniorinnen und Senioren länger sicher und mobil.

Eine freundlich lächelnde, ältere Frau mit kurzen, blonden Haaren steht in einem dunklen Türrahmen. Sie hält eine Teilnahmebestätigung für den ADAC Fahr-Fitness-Check gut sichtbar in die Kamera.
Wieder einmal erfolgreich teilgenommen: Helga Jessen präsentiert stolz ihre Teilnahmebestätigung für den ADAC Fahr-Fitness-Check.

Bilder: Moritz Högemann

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